Zurück nach Dar es Salaam (Gastautor: Dr. T Broch)

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Zurück nach Dar es Salaam

Sieben Uhr: frühes Frühstück im Gäste-Refektorium der Benediktiner, gemeinsam mit den deutschen Freiwilligen, von denen zwei schon mit großem Gepäck zum Aufbruch bereit sind. Die Abteikirche, die wir noch kurz besuchen wollen, ist leider verschlossen – so bleibt ein letzter Blick auf die Fassade, bevor wir um acht Uhr zur letzten Tagesreise aufbrechen: Dar es Salaam. In der nächsten größeren Ortschaft, die wir in östlicher Richtung erreichen, Mtama, herrscht bereits reger Marktbetrieb. Später folgen wir dem breiten Tal des Lukuledi, der den letzten Bergzug vor dem Indischen Ozean durchquert. Die Gegend ist hier fruchtbarer und wirkt wohlhabender. Der Baumbestand ist grün und dicht; die Palmen, die zunächst nur in Gruppen stehen, werden immer mehr zu Palmenwäldern. In Mahambiki teilt sich die Straße: nach Süden zweigt sie in Richtung Mtwara und Moςambique ab, wir nehmen den Weg nach Norden Richtung Lindi und Dar es Salaam. Rund 470 km liegen an diesem Tag noch vor uns.

Mahambiki scheint ein größerer Umschlagplatz zu sein, wenigstens könnte man dies aus den vielen Trucks schließen, die hier links und rechts parken. Wir kommen dem Meer ziemlich nahe. Der Rudamba, der hier wie zahlreiche andere kleine und größere Flüsse – teils mit Wasser, teils trocken – dem Meer zustrebt, bildet kurz vor der Stadt Lindi eine schmale, lang gezogene Mündungsbucht, an wir über eine längere Strecke hinweg an großen rechteckigen Feldern vorbei fahren, in denen das Meerwasser gesammelt wird und zur Salzgewinnung verdunstet. Mangrovenhaine zeugen von Ebbe und Flut. Dann, in Lindi selbst, kommt der Indische Ozean in der Lindi-Bay bis fast an die Straße heran, bevor diese wieder weiter auf der Höhe zum Landesinneren hin verläuft.

In Kiranjerange gibt es einen unfreiwilligen Halt: Joseph wird von der Polizei angehalten; es ist in eine Radarfalle gefahren und muss 30.000 TZS bezahlen, weil es 25 km/h zu schnell war. Das ist viel Geld, für manchen Tansanianer ein ganzes Monatsgehalt. Er ist nicht der einzige, der bezahlen muss; so gut wie jeder Wagen wird angehalten, es scheint eine einträgliche Stelle für die Polizei zu sein.

Der Straße entlang werden viele neue Häuser gebaut, und zwar in der traditionellen Bauweise aus Stangengerüsten, deren Fächer mit Lehm ausgefüllt und nur so weit von außen verschmiert werden, dass man die Gerüststruktur noch erkennen kann. Immer wieder fahren wir an weitläufigem eingezäuntem Firmengelände vorbei, auf dem große Kalksteinbrocken lagern, manche behauen, andere roh. Sie scheinen in nahe gelegenen Steinbrüchen gebrochen zu werden. Viele sind bereits auf lange Tieflade-Trucks geladen und warten darauf, abtransportiert zu werden. Nur eine kurze Distanz von unserer Straße entfernt liegt Kilwa Kivinja am Meer, dessen historische arabische und koloniale Gebäude sehenswert sein müssen, da sie eigens auf der Landkarte ausgewiesen sind. Weiter im Norden bei Ndundu Rufiji überqueren wir den Rufiji, der zum Meer hin in ein breites sumpfiges Delta ausfächert. Bereits seit Längerem sind wir immer wieder an großen sumpfigen Wasserflächen mit armseligen Fischerhütten vorbeigefahren. Auch ein Storch hat sich da und dort eingefunden. Er scheint aber um diese Jahreszeit so wenig Wasser zu führen, dass wir ihn vom Auto aus gar nicht wahrnehmen. Der Rufijii, zu dem sich im Landesinneren mehrere andere Flüsse verbinden, gehört zu den großen Flüssen Tansanias und durchquert fast den ganzen Selous-Nationalpark. Je näher wir ihm im Hügelland kommen, desto üppiger wird die Vegetation, nicht zuletzt mit Bananenhainen und Palmen, und desto dichter und wohlhabender wird die Besiedlung, nachdem zuvor über weite Strecken hinweg die blanke Armut sichtbar war.  Auf den Märkten der Dörfer herrscht um diese Zeit, es ist gegen vier Uhr, reger Betrieb. Atmosphäre und Klima wirken tropisch. Hier sind wir dem Indischen Ozean wieder sehr nahe und befinden uns seit geraumer Zeit im Distrikt Pwani, nach dem wir lange durch den Distrikt Lindi gefahren sind. Im Distrikt Pwani liegt auch Dar es Salaam. Aber bis dorthin ist es noch ein gutes Stück Weg.

Alle diese Hinweise sollen nicht vergessen lassen, dass unsere Route oft über Dutzende Kilometer hinweg durch weite, nahezu völlig unbewohnte und menschenleere Savanne geführt hat. Vielleicht ist ja hier doch noch Lebensraum für Wildtiere, aber wir bekommen keine zu Gesicht.

Gegen 18 Uhr also erreichen wir die Vororte von Dar es Salaam, nachdem die immer stärker werdende Dichte der Besiedlung und des Verkehrs, die Menge der Menschen auf den Straßen, auf den Märkten, vor den Häusern und nicht zuletzt die zahlreichen großen Wirtschafts- und Industrieunternehmen die Nähe der inoffiziellen Hauptstadt schon seit Längerem angekündigt hatten. Auch die Firma Knauf aus Oberndorf am Neckar ist hier mit einem Gipswerk präsent. Joseph steuert unser Fahrzeug sicher und souverän durch das Verkehrschaos der Millionenstadt. Pünktlich um sieben Uhr treffen wir bei den Benediktinern in Kurasini ein, deren Gastfreundschaft wir zu Beginn der Reise bereits genossen haben. Dort treffen wir auch vier junge Freiwillige aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart: Franziska, Luisa, Klara und Ronja. Sie werden jetzt dorthin aufbrechen, wo wir soeben herkommen, und ein Jahr ihres Lebens mit den Menschen dort teilen. Unsere allerbesten Wünsche geben wir ihnen mit auf den Weg.

Ausblick auf Samstag, 12. August:

Sr Anna-Luisa bietet sich an, vormittags mit denjenigen in die Stadt zu gehen, die dies noch wünschen. Nach dem Mittagessen werden wir dann zum Flughafen aufbrechen und um 16.45 Uhr zunächst nach Dubai und dann weiter nach München fliegen. Wenn alles nach Plan verläuft, werden wir am Sonntag, dem 13. August, um 8.35 Uhr in München ankommen und dort mit Auto und Bahn nach Untermarchtal bzw. nach Pfaffenweiler fahren. Dann wird eine sehr bewegende, eindrucks- und erfahrungsstarke Reise zu Ende gehen.

Asante sana Tanzania!

Zwischenetappe in Ndanda (Gastautautor: Dr. T. Broch)

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5.30 Uhr Frühstück – ein letztes Mal mit Sr Kaja. 5.50 Uhr: Zum Abschied sind einige Schwestern zum bereits voll beladenen Toyota-Kleinbus gekommen – es werden in den nächsten Minuten immer mehr, die uns noch einmal die Hand geben, uns umarmen, gute Wünsche mit auf die Reise geben und vor allem sagen wollen, wir sollen doch wiederkommen. Immer herzlich willkommen, Karibuni tena.

Das Reiseziel des heutigen Tags ist Ndanda, eine Benediktiner-Abtei, ungefähr 700 km bzw. acht bis neun Fahrstunden Richtung Osten entfernt. Mit Pausen sollten es dann elf Stunden Reisezeit werden. Überraschend gibt es auf dem Weg Richtung Songea noch einen Abstecher nach Kigonsera, wo uns bei der Schwesternstation im Halbdunkel bereits Sr Mwombezi und ihre Mitschwestern erwarten, um uns ebenfalls Abschiedsgeschenke mit auf den Weg geben. Kurz darauf erreichen wir Ruhuwiko, wo wir Florian Hecke abladen, der noch bis Samstag hierbleiben wird. Überraschendes Zusammentreffen mit Sr Taji und Abschied von ihr, die an der Straße auf den Bus wartet.

Entlang der Straße sind schon früh sehr viele Menschen zu Fuß unterwegs, Erwachsene auf dem Weg zur Arbeit und Kinder auf dem Weg zur Schule. Eine erste Rast legen wir nach rund zwei Stunden in einem kleinen Restaurant am Straßenrand ein, das allerdings zu nicht viel mehr als zu einer Tasse Chai und ein paar Chabati animiert – Kaffee gibt es nicht –, obwohl der Koch, eine Junge mit weißer Kochmütze, uns zur Suppe einlädt und ein wenig enttäuscht wirkt, als wir freundlich dankend ablehnen. Die Dörfer wirken sehr arm, die Häuser sind zumeist einfache, mit Stroh gedeckte Häuschen aus Holz oder Lehm, Mauerwerk aus Ziegeln ist selten dabei. Das Straßenbild wird stark von Muslimen geprägt: Frauen und Mädchen mit bunten Schleiern, Männer mit den hier typischen runden Kappen auf dem Kopf. Die Straße ist gut ausgebaut, aber sehr kurvenreich. Gelegentlich taucht eine große Parkbucht auf, die durch ein Hinweisschild als „Weightbridge“ ausgewiesen ist, auf der gemessen wird, ob Busse und Lkw das zulässige Gesamtgewicht einhalten bzw. überschreiten – eine Vorsorgemaßnahme gegen Überlastung und vorzeitige Beschädigung der neuen Straße. Es gibt in Tansania nur wenige Überlandstraßen in dieser Qualität. Immer wieder halten Verkehrspolizisten den Wagen an und kontrollieren – was auch immer. Die Verkehrsdisziplin scheint allerdings gut zu sein. In den Siedlungen ist die Geschwindigkeit auf 50 Stundenkilometer begrenzt, und das wird strikt eingehalten. Auf den markierten Zebrastreifen, auch in der freien Landschaft, haben Fußgänger absolute Priorität.

Nach einiger Zeit geht es in eine Landschaft, die als Wildtiergelände gekennzeichnet ist. Der Blick geht immer wieder in eine unendlich und völlig unbewohnt wirkende Weite, sehr grün und dicht mit Buschwerk und niedrigen Bäumen bewachsen, ab und zu ein paar Palmen. Die morgendliche Kühle im Makete-Hochland ist inzwischen der Tageshitze gewichen, die graue Wolkendecke beim Aufbruch einem strahlend blauen Himmel mit lockerer weißer Quellbewölkung. Allmählich nimmt die Meereshöhe der Landschaft ab. Das Buschland geht zunehmend in spärlicher bewachsene Savanne über. Die Besiedlung entlang der Straße wird wieder dichter. In der Mittagshitze suchen die Menschen in größeren und kleineren Gruppen den Schatten unter Bäumen oder offenen Strohdächern – oft die Männer, die Frauen, die Kinder jeweils für sich. Immer wieder stehen einzelne Menschen oder Familien am Straßenrand, winken schon von Weitem und wollen mitgenommen werden. Etwas enttäuscht schauen sie uns nach, wenn wir ohne Halt an ihnen vorbeifahren. Dann richtet sich die Hoffnung eben auf das nächste Fahrzeug; es kann dauern, bis bei dem äußerst mäßigen Verkehr wieder jemand des Weges kommt. In diesem Land brauchen die Menschen Geduld und Gelassenheit. In einer kleinen Siedlung wird das Diesel knapp; Joseph, unser Fahrer, macht einen kleinen Straßenverkauf aus, der in Kanistern und alten Plastikflaschen auch Diesel führt, der mittels einer zu einem Trichter umfunktionierten alten Trinkflasche ohne Boden in den Tankstutzen eingefüllt wird. Dann kommt doch noch eine offizielle Tankstelle, an der das Fahrzeug vollgetankt werden kann. Ein paar Kilometer weiter ist ein mit Lebensmitteln beladener Lkw von der Straße abgekommen und seitlich abgekippt; die verlorene Ladung liegt im Straßengraben. Frauen sitzen daneben am Boden und säubern in großen Sieben die aus den aufgeplatzten Säcken gequollenen Getreidekörner, während ein anderer Lkw den Havaristen mit einer langen, quer über die Straße gespannten Kette aus seiner misslichen Lage herauszuschleppen versucht. Nach 13 Uhr erreichen wir Tunduru, etwa auf halber Strecke gelegen; viele Ladengeschäfte zeigen, dass wir hier in einer Diamantenstadt sind. Eine Viertelstunde später halten wir unter dem ausladenden Dach eines Baums am Straßenrand und genießen das Picknick, das uns die fürsorglichen Schwestern reichlich mitgegeben haben.

Nachdem wir durch Maji-Maji gefahren sind, tauchen vor uns wie aus dem Nichts gigantische Felsmassive auf, Solitäre, grau, kahlgeschliffen und abweisend: die Mbarika Montains, wo Tausende Krieger indigener Stämme beim so genannten Maji-Maji-Aufstand (1905-1907) gegen die deutschen Kolonialherren brutal niedergemetzelt wurden und weitere 150.000 Menschen anschließend in einer Politik der verbrannten Erde verhungerten. Später überqueren wir den Limesule, den Grenzfluss, der die Distrikte Songea-Ruvuma und Mtwara trennt. Hier taucht vor uns die Kulisse eines weiteren imposanten Bergzugs auf, der im Nordosten durch das Monsongesi-, im Süden durch das Lukwilo-Lumesule-Naturreservat eingerahmt wird. Das Panorama der Berge begleitet uns am südlichen Horizont weiter, aber die Landschaft wird wieder flacher, sie wirkt wegen der vielen Palmen auch maritimer. Vereinzelt wird sie unterbrochen durch gewaltige solitäre Felsformationen, in deren Schatten sich Siedlungen ducken. Eindrucksvoll sind auch die hohen und spitzen Termitenhügel, die oft mitten zwischen den Hütten aus dem Boden wachsen. Wir kommen durch Masasi, die letzte größere Stadt vor unserem Reiseziel, in der vor allem zahlreiche Ladengeschäfte auffallen, vor denen in großer Zahl fabrikneue Fahrräder für den Verkauf bereitstehen. Auffallend ist übrigens auch, dass das Straßenbild dieser Gegend inzwischen durch viele Mädchen und junge Frauen geprägt ist, die nicht nur einen bunten Schleier tragen, wie weiter im Westen, sondern einen weißen und manchmal auch einen schwarzen Niqab, der nur einen sehr begrenzten Ausschnitt des Gesichts frei lässt und weit über den Oberkörper hinunter fällt. Es scheint, dass hier eine konservativere Form des Islam dominiert.

Es ist schwül geworden, als südöstlich vor uns wieder eine Bergkette am Horizont auftaucht, hinter der sich das Hochland der Makonde erstreckt, die im 18./19. Jahrhundert aus dem Norden Moςambiques hierher eingewandert und wegen ihrer Schnitzereien berühmt sind. Auch während des Bürgerkriegs im südlichen Nachbarland sind viele Moςambique-Makonde hierher geflohen, in eine ohnehin bevölkerungsreiche und sehr arme Region.

Kurz nach 17 Uhr kommen wir in Ndanda an, der zweiten großen Benediktiner-Abtei, die wir im südlichen Tansania besuchen. Im 19. Jahrhundert wurde sie von deutschen Mönchen aus dem bayerischen St. Ottilien gegründet, und die helle Kathedrale und die anderen Bauwerke, die wir im Dämmerlicht sehen, verweisen in ihrer Architektursprache auf die Gründung im Zeitalter der deutschen Romantik. Berühmt ist auch die Klinik der Benediktiner in Ndanda. Julius Nyerere, der Gründer und erste Präsident des heutigen Staats Tansania, hat sich hier behandeln lassen, während John Pope Magufuli, der heutige Präsident, eine Zeitlang Schüler der hiesigen Klosterschule war. Ebenso wie von Peramiho aus, so wurden auch von hier aus Pfarreien, Stationen, Priorate gegründet. Derzeit sind die Mönche von Ndanda dabei, im benachbarten Moςambique eine Niederlassung aufzubauen. Mehr als einen oberflächlichen äußeren Eindruck allerdings erlaubt der heutige Abend nicht mehr; wir lassen uns von Br. Laurent unsere Gästezimmer in separaten Nebengebäuden zeigen, essen im Gäste-Refektorium mit einigen deutschen Freiwilligen zu Abend und gehen sehr müde zu Bett.

Abschied in großer Herzlichkeit (Gastautor: Dr. T. Broch)

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In der Hauskapelle des Gästehauses im Mbambabay wird an diesem Morgen gleich zweimal die Eucharistie gefeiert: um 7 Uhr mit Weihbischof Boom und den Würzburger Gästen auf Deutsch, anschließend um 7.30 Uhr mit Fr Celestin, dem Bischofssekretär aus Mbinga, in Kisuaheli mit den einheimischen Schwestern des Hauses. Solchermaßen geistlich gestärkt und – wenigstens einige von uns – erfrischt durch ein morgendliches Bad im Nyassa-See, nehmen wir das Frühstück ein, um uns dann doch nicht sofort auf die Rückfahrt nach Mbinga zu machen. Sr Martina und Sr Maria Pia hatten noch um Aufschub bis 9.30 Uhr gebeten – warum, das erfahren wir alsbald: Wir werden noch einmal in den Recreation-Room gebeten, und dort bringen Schwestern und Personal des Hauses Sr Anna-Luisa mit Jubel, Gesang und Tanz ihre Glückwünsche zum Geburtstag dar und überreichen uns allen ein Abschiedsgeschenk, sehr schöne Kangas, die die Schwestern am Morgen noch im Dorf erstanden haben.

Dann heißt es Abschied nehmen: von den liebenswürdigen Menschen im Gästehaus und vom wunderschönen Nyassa-See. Die Fahrt führt wieder hoch ins fruchtbare Bergland mit letzten Ausblicken hinab zum See, vorbei an Bananen- und einigen Weizenfeldern und durch Kaffeeplantagen, für deren Arbeiter neue Siedlungen angelegt worden sind.

Nach Nyoni verlassen wir die bereits bekannte Route und machen einen Abstecher nach Litembo, um der renommierten und für die Region sehr wichtigen Klinik dort einen Besuch abzustatten, die bereits vor Jahrzehnten von der deutschen Ärztin Dr. Irmgard Weyer aufgebaut worden ist. Das markante Bergmassiv des Tembo, das an einen Elefanten erinnert und dem Ort seinen Namen gibt, hat uns schon über eine längere Wegstrecke hinweg den Weg hierher gewiesen. Eingeladen hatte uns Fr. Rafael, der Klinikmanager und Koordinator des diözesanen Gesundheitswesens in der Diözese Mbinga, als wir ihn einige Tage zuvor im Bischofshaus in Mbinga getroffen haben. Heute ist hier allerdings eine gewisse Aufregung zu spüren, denn ebenfalls wird auch die Würzburger Reisegruppe mit Weihbischof Boom erwartet. Sie ist bereits vor uns in Mbambabay aufgebrochen, wird aber wegen einiger Zwischenstationen erst nach uns hier eintreffen. Unser Besuch passt irgendwie nicht richtig ins Programm. Wir werden von einer leitenden Krankenschwester durch die große Klinik mit ihren diversen Abteilungen geführt: durch den chirurgischen Bereich mit OPs, Augen- und Zahnklinik, durch die Entbindungs- und Säuglingsstation, vorbei an dem neuen CTC-Beratungszentrum für HIV-Infizierte und Aids-Kranke, mit einem Blick zu den inneren Abteilungen. Eine Hebamme trägt ein Neugeborenes an uns vorbei, das gerade mit Kaiserschnitt entbunden worden ist. Florian Hecke kann by the way gleich ein paar verwaltungstechnische Fragen klären. Alles in allem macht das Krankenhaus einen professionell geführten Eindruck – und dennoch ist es gut, dass in Kihaha eine eigene Klinik für die Bevölkerung von Mbinga gebaut wird, deren Rohbau-Besichtigung bereits zu Beginn unserer Reise auf dem Programm gestanden ist. Sie wird zwar eine Konkurrenz zu Litembo darstellen, aber man mag sich nicht vorstellen, welche Strapazen der lange Anfahrtsweg auf der unvorstellbar schlechten Straße für Verletzte, für Schwerkranke, für Schwangere bedeutet, die bislang alle den Transport von Mbinga hierher überstehen müssen. Wir sind immerhin noch über eineinhalb Fahrstunden von der Distrikthauptstadt entfernt.

Wir verlassen Litembo, bevor die Würzburger eintreffen. Der Kirchturm der Klosterkirche der Vinzentinerinnen von Mbinga, exponiert gelegen, taucht in der Ferne auf. Gegen vier Uhr treffen wir für einen letzten Aufenthalt hier ein. Sr Kaja ist gerade dabei, mit ihren Schülerinnen die Blumenrabatte für unseren Empfang zu pflegen. Ohne verspätetes Mittagessen geht es natürlich nicht, dann noch ein Cappuccino im Café in der Stadt, ein paar Geschenke für die Schwestern einkaufen, Koffer packen, Duschen, denn am nächsten Morgen ist bereits für 5.30 Uhr das Frühstück angesetzt, und zwischen 22 und 5.30 Uhr gibt es kein elektrisches Licht oder allenfalls den Schein der Taschenlampe.

Der Abend wird noch einmal zu einem Höhepunkt. Um sieben Uhr sind wir im großen Refektorium der Schwestern zum gemeinsamen Abendessen eingeladen. Auch Fr Binoy, der Hausgeistliche aus der Diözese Ernaculam im indischen Kerala, ist dabei. Wie die Schwestern vom Geburtstag von Sr Anna-Luisa erfahren haben, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall wird er mit großem Jubel als Fest gefeiert: Sie muss Geburtstagskuchen anschneiden und an alle austeilen, Rotwein ausschenken und überhaupt viel Gesang und Glückwünsche entgegen nehmen. Wir alle bekommen sorgsam verpackte Geschenke überreicht – Schnitzereien, wie sich später herausstellt, und ein gesticktes Bild. Die Atmosphäre von Freude und Herzlichkeit, die den Abend bestimmt, lässt sich kaum angemessen in Worte fassen. Ein schönes Fest.

Makwai: Wende zu hoffnungsvollen Aussichten (Gastautor: Dr. T. Broch)

Der Morgen am Nyassa-See hat seinen eigenen Zauber, vor allem einen bezaubernd schönen Sonnenaufgang. Aber die Fischer, die um diese Zeit mit ihren Einbaum-Booten hereinkommen, haben wenig gefangen. Der kräftige Wind verursacht einen starken Wellengang, der das Fischen in den felsigen Uferregionen sehr erschwert. Nach ein paar Tagen wie diesen sind die Fischer, die vom Ertrag eines jeden Tages leben, arm.

Um 9 Uhr fahren wir los, die unbefestigte Straße verläuft auf der Anhöhe über dem See, immer wieder öffnet sich der Blick auf die Buchten und den unendlich weiten Wasserspiegel. Die Anwesen entlang des Wegs wirken in ihrer traditionellen Bauweise malerisch, aber natürlich trügt diese Idylle. Dieser äußerste südwestliche Zipfel Tansanias, vom übrigen Land durch die Berge des Matenga-Hochlands getrennt, mit einer eigenen Ethnie, den Nyassa, und einer eigenen Sprache, wurde lange von der Regierung vernachlässigt und liegt in der Entwicklung noch weiter zurück als das übrige Land. Deshalb wirkt die Gegend noch sehr ursprünglich. Die Menschen sind sehr arm, und was für uns durchreisende Europäer als Idylle erscheint, bedeutet für sie nichts als Mühe ums tagtägliche Überleben. Gleichwohl strahlen sie Lebensfreude aus. Natürlich freuen sich die Kinder und winken den Fremden zu, die durch ihr Dorf fahren, aber sehr oft auch die Erwachsenen.

Unterwegs sehen wir Reisfelder liegen, Menschen arbeiten darin; aber das ist nur ein kleiner Anteil an der landwirtschaftlichen Produktion. Den Hauptteil bilden große Felder mit Maniok-Stauden, deren Wurzeln roh oder als Gemüse das Hauptnahrungsmittel der hiesigen Bevölkerung darstellen.

Nach knapp zwei Stunden sehen wir die Kirche von Makwai liegen, das Ziel dieser Fahrt. Sie wurde mit einem entsprechenden Konvent von den Benediktinern gegründet und liegt – der Siedlungsphilosophie der Benediktiner entsprechend – als „Stadt auf dem Berg“ weithin sichtbar auf einer bewaldeten Anhöhe. Das dazu gehörige Dorf und die Gemeinde Makwai liegen unten in der Ebene, nahe bei den Feldern und Arbeitsstätten der Menschen, weit entfernt von der Kirche, der Station und dem Dispensarium der Vinzentinerinnen, die wir heute besuchen.

Sr. Kafara, die für das Dispensary verantwortlich ist, Sr. Aderita, die in Feld und Garten arbeitet, Sr. Theresia, die die Küche besorgt, und Sr. Agneta, die als Sakristanin die Kirche versorgt – sie leben hier. „Wohnen“ wäre der falsche Ausdruck, denn das der Diözese Mbinga gehörende Schwesternhaus befindet sich in einem beklagenswerten Zustand. In den Zwischendecken nisten Fledermäuse, deren Kot die Wellblechdecken durchfrisst, in die Zimmer fällt und eines nach dem anderen unbewohnbar macht; Termiten sind dabei, das Mauerwerk zu zerstören. Eine bedrückende Atmosphäre, auch wenn die Schwestern die Schwierigkeit ihrer Lebensumstände in herzlicher Willkommensatmosphäre ein wenig überspielen. Der Gegensatz zwischen der wunderschönen landschaftlichen Umgebung und den Gebäuden ist extrem. Das gilt auch, zumindest von außen betrachtet, für die Pfarrkirche, an die das Schwesternhaus angebaut ist: Ein Blick nach oben fällt auf zerbrochene Fenster und marodes Mauerwerk, der Weg ins Innere führt über viele Stufen einer schadhaften Treppe. Das Innere selbst überrascht freilich: Sehr schön sind ein Keramik-Kreuzweg und ein Altarkreuz mit Emaille-Intarsien. Die schönsten Kunstgegenstände allerdings, ein romanischer Kruzifixus und eine kleine Marien-Statuette aus Ebenholz, sind in einem Winkel im hinteren Bereich der Kirche zwischen Gerümpel versteckt. Es ist ein Jammer.

Sr. Kafara führt uns, während Sr. Anna-Luise, Sr. Martina und Florian Hecke Budgetgespräche führen, durchs Dispensarium – karge Räume, in denen es am Nötigsten fehlt. Vier Räume mit insgesamt acht Betten stehen für Frauen, Männer und Mütter mit Kleinkindern für die stationäre Behandlung zur Verfügung. Sr. Kafara, ein junger Arzt und vier weitere Mitarbeitende versorgen die Patienten. Heute sind es wegen des staatlichen Feiertags nur wenige, aber normalerweise kommen im Monat etwa 150 bis 200 Patientinnen und Patienten hier her, wie uns Sr. Kafara berichtet. Ein ansehnlicher Bedarf also für die Krankenstation, die zu klein ist, um zu einem Health Centre aufgewertet zu werden. Pläne für eine Vergrößerung gibt es schon lange. Mauerfundamente zeugen von einer Maternity, die Sr. Gabriele Winter noch geplant hatte, die aber wegen ihres Unfalltods 2012 nicht mehr zur Umsetzung kam. Auf dem Gelände lagern Ziegel; den Absichten von Sr. Kafara entsprechend soll hier auch einmal eine Mutter-Klinik entstehen. Aber die Finanzierung gestaltet sich schwierig; da die Menschen hier sehr arm sind und für die Behandlung nichts bezahlen können, ist auch die Einkommenssituation der Station problematisch.

Etwas weiter hangabwärts steht der – zweifellos schöne – Rohbau eines Kindergartens für das Dorf, gefördert von einer deutschen Kirchengemeinde. Ob und wann er Kinder wird aufnehmen können, ist derzeit ungewiss. Nicht nur, weil sich die bauliche Fertigstellung hinzieht, sondern auch deshalb, weil der Standort hier oben auf dem Berg für die Kinder des unten gelegenen Dorfs ungünstig ist. Der Weg durch den Wald herauf ist weit, und es gibt viele Schlangen – kein Wunder, dass gegenüber diesem Vorhaben begründete Skepsis besteht.

Unruhe kommt auf. Der Würzburger Weihbischof Ulrich Boom, begleitet von Klaus Veeh, dem für die weltkirchlichen Aufgaben der Diözese Würzburg zuständigen und mit Tansania bestens vertrauten Mitarbeiter, dem Sekretär des Bischofs von Mbinga und weiteren Personen, hat sich zum Besuch angesagt. Die Diözese Würzburg ist mit der Diözese Mbinga verpartnert und unterstützt diese in vielen Projekten und Anliegen. Auf dem Platz vor der Kirche versammeln sich immer mehr Menschen – Frauen lagern auf dem Boden, Schulkinder in ihren Uniformen stehen in großen Gruppen herum, ebenso Männer, von denen einige trommeln; junge Männer fahren mit ihren Piki-Piki hin und her. Auch die Glocken haben schon geläutet, und auf einem überdachten steinernen Podium oben auf den Treppenstufen zur Kirche ist ein High-Table, festlich gedeckt, mit mehreren Stühlen für die Gäste aufgestellt. Eine größere Zeremonie ist zu erwarten. Der Gemeindepfarrer tritt in Erscheinung, zunächst in Zivil, dann in weißer Soutane; er ist etwas irritiert, weil er mit uns nicht gerechnet und uns auch nicht als Festgäste vorgesehen hat. Da die Würzburger Gäste wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen, verabschieden wir uns nach einem gemeinsamen Mittagessen von den Schwestern und nehmen ein bedrückendes Gefühl von Aussichtslosigkeit angesichts ihrer desolaten Verhältnisse mit zurück nach Mbambabay.

Das wird sich am Abend allerdings ändern. Auch die Würzburger Gäste treffen später dort ein, und nach längeren Gesprächen, die Sr. Anna-Luisa mit ihnen führt, wenden sich die Aussichten zum Positiven für die Schwestern, ihr Schwesternhaus und die Krankenstation. Mehr kann an dieser Stelle nicht vorweg genommen werden.

 

Westwärts (Gastautor: Dr. T. Broch)

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Einmal mehr ist Reisetag. Nach dem Frühstück verabschieden uns von den Schwestern in Ruhuwiko, die uns so gastfreundlich in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben, und ebenso von Fatuma, dem guten Geist des Gästehauses St. Martin.

Zunächst geht die Fahrt nach Osten. Harald Geißler möchte in Songea noch Tierfiguren abholen, die er dort bei einem Schnitzer für seine heimische Weihnachtskrippe bestellt hat. Es bleibt schließlich beim Kauf einer Figur, die in etwa an eine Ziege erinnert. Aber die Menschen müssen hier unter harten Bedingungen leben, und so ist die Sache für Harald trotz des Kompromisses zwischen seinen Erwartungen und den Vorstellungen des Schnitzers in Ordnung.

In der Abtei Peramiho treffen wir uns dann, wie verabredet, noch einmal mit Altabt Anastius  – wobei der Titel „Altabt“ für den agilen 52-jährigen Mann seltsam anmutet. Er empfängt uns – nicht ohne Stolz – im neu gebauten, sehr stilvollen Gästehaus, das er noch hat fertigstellen lassen, bevor er von seiner Abtei Abschied genommen hat. Sehr lebendig erzählt er uns von der Geschichte der Abtei Peramiho, die einmal für die gesamte Umgebung ein Zentrum der Versorgung und Entwicklung war, und ebenso von dem schwierigen Weg, die Abtei nach einer langen Phase, die durch die europäischen Missionare geprägt und von Kultur und Tradition des abendländischen Mönchtums geformt war, in die Verantwortung der einheimischen Ordensmitglieder zu übergeben. Immer wieder scheinen in seiner Erzählung Lebensgeschichten auf, mit Empathie vorgetragen, die deutlich machen, wie sehr P. Anastasius mit seinen Mitbrüdern und den Menschen hier verbunden war und ist.

Auf dem weiteren Weg westwärts machen wir Halt im Regionalkloster in Mbinga, werden – wie nicht anders zu erwarten – gastfreundlich bewirtet, wechseln die Fahrzeuge und fahren mit Sr. Martina und Sr. Maria Pia, die derzeit auf Urlaub von ihrem Pädagogikstudium ist und von Sr. Kaja als beste Musikerin der Gemeinschaft gelobt wird, weiter. Den Weg ins fruchtbare Matenga-Bergland, der uns bereits von den Exkursionen der ersten Tage unserer Reise bekannt ist, verlassen wir in Unyoni, wo bereits seit einigen Stunden zwei junge Frauen, Lena und Veronika, auf uns warten. Sie stammen aus Schonungen im Mainfränkischen und sind für drei Monate bei den Vinzentinerinnen in Maguu im Freiwilligendienst. Wir nehmen sie mit zum Ziel dieser Fahrt: ins Gästehaus des Ordens in Mbambabay am Nyassa-See. Diesen wunderbaren Ort erreichen wir kurz vor 17 Uhr, nach einer Fahrt auf einer zwar unbefestigten, aber relativ gut ausgebauten Straße, bei zunehmendem Sonnenschein und zunehmender Wärme, talabwärts durch eine imposante Bergwelt mit wunderschönen Ausblicken und immer mehr mit der Ahnung des riesigen Sees vor uns, der Tansania und Malawi zugleich verbindet und trennt und mit seiner Südspitze, etwa 60 km von hier, auf Moςambique stößt.

In dem neuen und komfortablen Gästehaus am Berghang werden wir von den drei dort tätigen Schwestern empfangen: Sr. Euvodia, Sr. Gratiana und Sr. Maria Rainer. Wir beziehen die Zimmer mit weitem Blick auf Strand und See und lassen nicht viel Zeit verstreichen, bis wir uns – zumindest einige von uns – dem lebhaften Wellengang am Strand aussetzen.

Glanz und Schatten in Peramiho (Gastautor: Dr. T. Broch)

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Der zweite Sonntag in Tansania. Wir besuchen ebenso wie die Schwestern von Ruhuwiko um sieben Uhr den Gemeindegottesdienst in der Kirche St Francis. In guter Erinnerung bleibt vor allem der schöne Chorgesang des Gemeinde-Kirchenchors.

Nachmittags statten wir der Benediktiner-Abtei Peramiho einen Besuch ab. Die 1898 von den Missionsbenediktinern von St. Ottilien in Oberbayern gegründete Abtei steht für eine große Geschichte der Mission im Südwesten Tansanias. An vielen Stationen unserer Reise haben wir die Priorate und Gemeinden gesehen, die von Peramiho aus gegründet worden sind. Wie in der Frühzeit des Benediktinerordens in Europa, so standen die Mönche hier im 20. Jahrhundert für eine auch für heutige Begriffe bewundernswerte kulturelle und soziale Entwicklung. In seiner Blütezeit zählte Peramiho etwa 230 Mönche, Ordenspriester und Laienbrüder.

Den Geist dieser Geschichte strahlt die Klosterstadt mit ihrer im Stil deutscher Großabteien errichteten Kirche unmittelbar aus. Diese Atmosphäre nimmt auch uns gefangen, ebenso die weitläufigen Gebäudeensemble und Parkanlagen, die von einstiger kultivierter Gepflegtheit zeugen und auch jetzt noch etwas davon bewahrt haben. Wir besuchen die Abteikirche, in die wegen der unmittelbar bevorstehenden Nachmittagsandacht immer mehr Schülerinnen der Klosterschule strömen – alle in grünen Röcken und weißen Hemden und teilweise grünen Strickwesten. Sie sind freilich fast die einzigen, die die Andacht mitfeiern; auch das Chorgestühl der Mönche ist fast leer. In einer Seitenkapelle im hinteren Bereich der Kirche sind eine Grabplatte und in der Wand eine Büste angebracht, die an den letzten Abtbischof von Peramiho erinnern, Eberhard Spieß OSB aus Ertingen bei Riedlingen im heutigen Kreis Biberach. Mit Prälat Eberhard Mühlbacher und den Bischöfen Dr. Carl Joseph Leiprecht und Dr. Georg Moser aus Rottenburg war er eng verbunden. 1902 geboren, kam er 1932 hierher und wirkte von 1953 bis 1986 als Abtbischof. Im September 1990 ist er gestorben.

Wir gehen hinüber zum St. Josephs-Krankenhaus, das von den Benediktinern gegründet wurde, aber heute gegenüber der Abtei selbständig ist und in administrativen Belangen teilweise von der Benediktiner-Kongregation von St. Ottilien aus betreut wurde. Es ist eine große Schwerpunktklinik, zu der die Menschen von weither kommen. Heute, am Sonntag, ist im großen Wartebereich wenig los, und doch sitzen auch heute Menschen da, die darauf warten, mit ihren Beschwerden vorsprechen zu können. Wir gehen weiter zu dem beruflichen Ausbildungszentrum des Ordens, das auch heute noch etwa 700 junge Menschen in unterschiedlichsten Gewerken qualifiziert. Aber die vielen leeren Gebäude machen überdeutlich, dass die große Blütezeit vorbei ist. Der Riss, der die Fassade der verschlossenen neugotischen Kapelle auf dem Campus mit einer Gestaltung nach der Beuroner Schule von oben nach durchzieht, mag als Symbol gelten.

Heute leben in dem großen Konventsgebäude nur noch einige wenige Patres und vielleicht 50 oder 60 Brüder. Die vielen großen Konventsgebäude stehen teilweise leer, und Leerstand und Verfall kennzeichnen auch viele der Ökonomiegebäude und -anlagen. Darüber kann auch der schöne Vorgarten vor dem Abtsgebäude mit den prächtigen Bougainvilia, Palmen und anderen tropischen Ziergewächsen und den beiden steinernen Löwen unter dem Portikus nicht hinwegtäuschen. Kleiner dimensioniert ist das Konventsgebäude der Tutzinger Benediktinerinnen zur Rechten der Abteikirche; die Schwestern sind von Anfang an gemeinsam mit den männlichen Ordensangehörigen hier tätig gewesen. Es wirkt gepflegter, und man kann den Eindruck gewinnen, dass die Situation des Frauenordens hier stabiler ist.

Auf dem Weg zurück aus Peramiho kommt uns ein Wagen entgegen, indem der vor einiger Zeit resignierte deutsche Abt Anastasius und der derzeitige Abt-Administrator, P. Sylvanus,  soeben von der Abtei Ndanda kommen, mit ihnen zwei weitere Patres von Peramiho. P. Sylvanus haben wir bereits zu Beginn der Reise im Konvent von Kurasini angetroffen. Altabt Anastasius und Sr. Anna-Luisa, die sich seit Jahren kennen, verabreden für den nächsten Morgen ein Frühstückstreffen, zu dem wir in Peramiho Halt machen werden.

Es ist das letzte Abendessen bei den Schwestern in Ruhuwiko. Die Konventsoberin Sr. Taji, die morgen nicht mehr hier sein kann, bedankt sich in einer kleinen herzlichen Ansprache für unseren Besuch und die Unterstützung aus dem deutschen Mutterhaus und gibt jedem von uns ein Geschenk mit auf den Weg: Kangas den Schwestern, Sonnenhüte den Männern. Sr. Damiana und Sr. Anna-Luisa bringen in kurzen Dankesworten ihre Verbundenheit zum Ausdruck. Manche Sorgen, aber vor allem viele gemeinsame Intentionen, Ziele, Visionen verbinden die Vinzentinerinnen über die Grenzen zweier Kontinente hinweg.

Visionen und Hürden – die Station Mkenda in der Ruvuma-Tiefebene (Gastautor: Dr. T. Broch)

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Auch an diesem Tag geht es in Richtung Süden. Das Reiseziel ist Mkenda, eine Station der Vinzentinerinnen – etwa 5 km von der Grenze zu Moςambique entfernt. Wegen einer Brückenreparatur auf der eigentlichen Route verlassen wir bereits in Songea die Damac-Road und biegen auf eine unbefestigte Straße von sehr unterschiedlicher Beschaffenheit ab. Aber der viele Staub wird dadurch aufgewogen, dass wir viel näher bei den Siedlungen und unmittelbarer bei der Landschaft sind. Felder mit Orangenbäumen in Stadtnähe wechseln ab mit brachem Buschland und kleinen Feldern, die der Subsistenzwirtschaft der Kleinbauern in den Anwesen und kleinen Siedlungen links und rechts dienen. Überraschend durchfahren wir ein vom Ruvuma-Fluss gespeistes Sumpfland, in dem sich ganze Felder von Springkraut mit großen, pinkfarben leuchtenden Blüten vom Schilfbewuchs abheben. Hier wird Reis angebaut – eines der wenigen Anbaugebiete neben Lipillipilli, Peramihu und der Gegend am Nyassa-See. Zwischen Ndanda und Mtwara im Osten allerdings haben auch die Chinesen große Ländereien aufgekauft, in denen sie Reis für den eigenen Bedarf anbauen – praktischerweise in der Nähe zum Überseehafen in Mtwara am Indischen Ozean. Immer wieder wechselt die Farbe des Bodens zwischen rostrot und ockergelb und damit auch die Farbe der Siedlungen, die überall sehr arm sind, aber oft auch malerisch wirken mit ihren Gebäuden und Vorratsspeichern in traditioneller strohgedeckter Ständerbauweise. Über eine weite Strecke hinweg begleitet uns die imposante Bergkulisse der Mbarika-Mountains mit bizarren Felsformationen und oder lang gestreckten bewaldeten Bergrücken. Und immer wieder öffnet sich die Landschaft und gibt den Blick frei auf ein unendlich weites unbewohntes Land. Man wähnt sich am Ende der Welt, und staunt doch stets neu, dass selbst hier, in der völligen Einsamkeit, allein stehende Anwesen oder kleine Siedlungen auftauchen.

Wir passieren nach etwa zwei Stunden das letzte größere Dorf vor der Grenze, Murukuru, und sind dann doch immer noch etwa eine Stunde auf tief durchfurchter Straße unterwegs, bis wir Mkenda erreichen und in eine Welt großer Stille, Einsamkeit und Armut eintauchen.

Vier Schwestern leben hier: Sr. Maria Goretti und Sr. Margret bereits seit sieben Jahren, und seit einem Vierteljahr Sr. Bona und Sr. Maria Martha, die zur vorübergehenden Aushilfe hierher entsandt worden sind.

Die Station hat eine berührende, aber zugleich auch bedrückende Geschichte. 2011, im Jubiläumsjahr zum 350. Todestag der Ordensgründer Vinzenz von Paul und Luise von Marillac, hatten sich Sr. Maria Goretti und Sr. Margret zu zweit aufgemacht, um ihr Leben mit den Armen in der Ruvuma-Tiefebene zu teilen, weitab von ihrem Kloster Mbinga. Die Gründung einer neuen Station war ein Wagnis, zumal die Ordensleitung nach einer starken Expansionsphase in den Jahren zwischen 2000 und 2007 verfügt hatte, keine weiteren Stationen mehr zu gründen, um die bestehenden stabilisieren zu können. Der starke missionarische Impetus der beiden Schwestern war also durchaus mit einem persönlich zu bewältigenden Risiko verbunden. Ein Projekt zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Murukuru mussten sie nach einiger Zeit wieder aufgeben. Dann zogen sie weiter nach Süden und lebten dann in Mkenda zunächst zwei Jahre in zwei kleinen Lehmhütten in völliger Armut. Von großer Armut und Bescheidenheit geprägt ist immer noch auch das Gebäude aus Ziegeln, das dann für sie errichtet werden konnte. Alle ihre Bemühungen stießen immer wieder auf Schwierigkeiten, die sich mit dem Blick des fremden Besuchers nur schwer durchschauen lassen. Begonnen haben sie mit einem kleinen Kindergarten, in dem heute nur noch wenige Kinder sind – wobei einige Kinder bei den Schwestern leben; ihre Eltern bringen sie dorthin, damit sie versorgt sind und etwas zu essen haben. Sr. Margret, die Krankenschwester, hat in einer offenen Hütte, ausgestattet mit einem Bett, einigen Plastikstühlen für die wartenden Patienten und Angehörigen und einigen ausgedienten Schulbänken, die für die Anamnese genutzt werden, eine kleine Krankenstation eingerichtet. Sie verfügt über keinerlei medizintechnische Ausstattung, aber die Menschen kommen von weit her, selbst aus Moςambique, um sich helfen zu lassen. Allein die Anwesenheit der Schwestern ist für sie Verheißung und Hoffnung. Als die Kinder des Kindergartens größer geworden sind, errichten die Schwestern eine kleine Primary-School, aber diese wird nicht von der Regierung registriert, weil diese hierfür keinen Bedarf sieht. Etwas abseits vom Schwesternhaus stehen die halbhohen unfertigen Mauern eines neuen Dispensary-Gebäudes, aber dieser Bau musste wieder aufgegeben werden, weil er konkurriert mit einem Straßenbauprojekt der Regierung – möglicherweise im Zusammenhang eines geplanten Outlet-Centres für ein Einzugsgebiet im Grenzdreieck Tansania – Moςambique – Malawi. Ebenfalls in Vorbereitung ist der Bau eines neuen Kindergartens. Das Areal dafür ist bereits vermessen und abgesteckt, in einer großem Lehmgrube leisten drei Männer aus Mbinga Schwerstarbeit – so genannte Brickling-People, die sich von Baustelle zu Baustelle für die Herstellung von Ziegeln verdingen. Lehmverschmiert präsentieren sie sich vor der Kamera, stolz auf ihre Arbeit; und sie sind enttäuscht, dass sie die Fotos wohl auf absehbare Zeit nicht zu sehen bekommen können. In zwei Wochen werden sie wieder weiter ziehen. Sie haben schon viel geleistet: Auf großen Flächen liegen die geformten Lehmziegel zum Trocknen aus, die bereits gebrannten sind zu großen Stapeln geschichtet. Daneben lagert eine Mange von grob behauenen Buntsandstein-Blöcken, ehemals für den Bau einer Kirche vorgesehen, jetzt für das Fundament des neuen Kindergartens. Der Lkw, der sie von Songea hierher gebracht hat, konnte die letzte Wegstrecke nicht mehr bewältigen; so mussten die Schwestern einen Traktor organisieren, der die Steine bis hierher transportierte. All das kostet zusätzlich viel Geld und viel Zeit – Details, die deutlich machen, wie mühevoll hier in Nkenda jede Entwicklung ist und welche Anstrengungen die Schwestern hier Tag für Tag aufbringen, um ihre Vision umzusetzen. Die deutsche Hilfsorganisation „Fly&Help“, die den Kindergartenbau finanziell unterstützt, muss sich wohl noch in Geduld üben und tut dies hoffentlich ebenso, wie die Bewohner der umliegenden Siedlung. Im Bau ist auch ein neuer Tiefbrunnen in der Nähe der Lehmgrube, weil der jetzige im Hof der Station nicht ausreicht. Es dürfte wohl kein allzu großes Problem darstellen, noch tiefer als jetzt zu bohren und die Lehmschicht zu durchstoßen, um auf ausreichendes sauberes Grundwasser zu stoßen. Das Brunnenprojekt hat möglicherweise Vorrang vor allem anderen.

Die Schwestern empfangen uns herzlich und freuen sich sichtlich über den seltenen Besuch. Im Jahr 2016 war hier der Rottenburger Domkapitular Paul Hildebrand zu Gast, hat Kinder getauft und mit den Schwestern und der Gemeinde die Eucharistie gefeiert. Zuvor hatte er das Gästehaus St. Martin in Ruhuwiko eingeweiht, in dem wir derzeit untergebracht sind. Das Gästebuch, in das wir uns in Mkenda ebenso wie in jeder anderen Station eintragen, wird von den Schwestern mit Stolz vorgezeigt. Es zeigt immerhin, dass doch immer wieder Menschen Anteil nehmen an dem Leben hier. Während Sr. Anna-Luisa mit Sr. Maria Goretti, die in 1990er Jahren einige Wochen in Deutschland war und immer noch gut Deutsch spricht, finanzielle Fragen bespricht, führen die anderen Schwestern uns über das Areal der Station, zeigen uns die Orte, von denen hier Rede war, ebenso auch den Hasenstall, das Hundegehege mit vielen noch ganz kleinen Welpen, den Hühnerstall, die offene Küche unter einem Strohdach, in dem die Kinder des Lehrers – drei Jungen zwischen etwa neun und zwölf Jahren – für sich eine Mahlzeit und für die Tiere das Futter zubereiten. Derweil kocht Sr. Maria Martha in der ebenfalls offenen Küche der Schwestern das Mittagessen, zu dem uns diese gastfreundlich einladen.

Danach gibt’s noch einen Abstecher zu der Brücke über den fünf Kilometer entfernten Ruvuma-Fluss, den Grenzfluss; sie verbinden die Grenz- und Zollstationen der beiden Länder Tansania und Moςambique. Zahlreiche Einheimische warten auf der tansanischen Seite auf die Erlaubnis, hinüber ins Nachbarland zu gehen; sie begegnen uns etwas später auf der Brücke, freundlich und zugleich erstaunt über die Fremden hier im ostafrikanischen Niemandsland. Sie gehören auf beiden Seiten der Grenze der selben Ethnie an; ihre Stammesgebiete sind, wie so oft in Afrika, durch willkürliche koloniale Grenzziehungen verschiedenen Staaten zugeschlagen worden. Aber dass die Menschen über die Grenze hinweg nach wie vor verbunden sind, wird daran deutlich, dass sich sehr viele Bewohner auf tansanischer Seite während des Unabhängigkeitskriegs in Moςambique als Flüchtlinge hier niedergelassen haben.

Wir bringen Sr. Maria Goretti, die uns zur Grenze begleitet und bei dem jungen Grenzbeamten für freundliches Entgegenkommen gesorgt hat, zu ihrer Station zurück und verabschieden uns von den Schwestern dort. Etwas traurig wirken vor allem die beiden älteren Schwestern, Sr. Margret und Sr. Maria Goretti, die mit so mutigen Visionen aufgebrochen sind und sich immer mehr vom Druck der Probleme und wohl auch von der Komplexität einer sich globalisierenden Welt überrannt sehen.

Zusammen mit Sr. Maria-Martha, die in Ruhuviko einiges zu erledigen hat, fahren wir im Licht der Abendsonne zurück und staunen über den Zauber dieser Landschaft.

 

Kinderjubel und Wasserprobleme (Gastautor: Dr. T. Broch)

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Das Reiseziel heute heißt Ligera. Etwa um acht Uhr brechen wir in Ruhuwiko auf und nehmen zunächst ostwärts die asphaltierte Überlandstraße über Songea in Richtung Mtwara, nach ungefähr 60 km biegen wir dann rechts ab Richtung Süden – in einem kleinen Dorf, indem Sr. Anna-Luisa noch Süßigkeiten für die Kinder in Ligera einkauft. Dass es 200 Stück sein sollen, will dem Ladenbesitzer nicht richtig einleuchten. Er hält diese Menge für unrealistisch und schlägt vor, doch eher Süßigkeiten für 200 Tansanische Schilling zu erstehen, also deutlich weniger. Unsererseits werden noch Sr. Mwombezi, seitens des Geschäftsinhabers ein herbei eilender Mann aus dem Dorf zur weiteren Beratung und Klärung des Problems herangezogen. Unterdessen kommen Frauen ans Auto, um Erdnüsse, Bananen oder anderes zu verkaufen, und überhaupt zieht der Vorgang einige Aufmerksamkeit der Dorfbewohner auf sich. Kurzum, das Geschäft kommt schließlich wie gewünscht zustande, und wir fahren weiter.

Schon nach Songea geht die Landschaft zunehmend in weites, welliges Buschland über, mit unendlich weiter Sicht und einigen Bergen in der Ferne. Die Siedlungen werden immer spärlicher und immer ärmer, die Häuser teilweise noch mit Wellblech gedeckt, die meisten jedoch mit Stroh; viele sind verfallen. Aber noch ist die Straße gut ausgebaut; immer wieder überholen LKW, die mit Kohle vom Bergwerk in Ruanda zum Hafen von Mtwara unterwegs sind. Viele Häuser entlang der Route sind mit einem Kreuz gekennzeichnet – in einem Korridor von 30 Metern links und rechts dürfen keine Häuser mehr stehen. Nach der Abzweigung wird dann alles noch viel ärmer, obwohl viele bäuerliche Anwesen in traditioneller Bauweise als Vierseit-Höfe angelegt sind und zum Teil malerisch aussehen. Auf weite Strecken dominiert der Busch, die Felder sind klein; manchmal sind sie unmittelbar bei den Häusern, manchmal weit weg, und man sieht vor allem Frauen mit Hacken zur Feldarbeit gehen. Immer wieder auch sind Frauen und Mädchen mit schweren Wasserbehältern auf dem Kopf zu den Wasserstellen und zurück unterwegs. Die Menschen sitzen vor ihren Häusern oder gemeinsam auf einem zentralen Platz in den kleinen Siedlungen, überall spielen Kinder, manchmal in besorgniserregender Nähe zur Straße. Und unermüdlich rennen Ziegen, Gänse, Hühner, manchmal auch Hunde über den Weg und bringen sich eilends vor dem mit lauter Hupe sich nähernden Auto in Sicherheit, das eine rote Staubfahne hinter sich herzieht. Wenn ein Fahrzeug entgegen kommt, müssen die Fenster wegen des Staubs geschlossen werden, den es aufwirbelt. Für die Menschen, die diesen Straßen entlang leben, bedeuten dieser ständige Staub und Schmutz eine enorme Belastung.

Nach und nach geht die die rote Erde in einen sandigen Lößboden über. Der Staub wechselt die Farbe zu Grau, und unter die roten Ziegelsteinhäuser mischen sich mehr Häuser mit gelb-grauen Ziegen oder mit Wänden aus Holzgeflecht, das mit gestampftem Lehm ausgefüllt und verkleidet ist.

Nach einer weiteren Stunde erreichen wir Ligera. Man erkennt die benediktinische Bauweise. Kirche und Konvent wurden 1938 von den Benediktinern aus Peramihu gebaut und bis 1988 bewohnt. Nach ihrem Weggang gab es hier nur noch eine Pfarrei mit einer für 2.000 Menschen gebauten Kirche. Erst 2004 zogen auf Initiative der damaligen Regionaloberin Sr. Dr. Gabriele Winter die Vinzentinerinnen mit einer eigenen Station in das  Konventsgebäude ein.

Von Weitem sehen wir im zur Station gehörigen Kindergarten die Kinder im Freien spielen, aber als wir in den Hof des Konvents einbiegen, kommen sie uns schon entgegen und begrüßen uns im Chorgesang mit „Karibu – Willkommen“, lange und ausgiebig. Dann – auch hier – herzlicher Empfang und Bewirtung. Sr. Pasientia führt her den Haushalt, Sr. Antide leitet den Kindergarten, Sr. Pascalina und Sr. Isabella sind in der Dispensary tätig, und Sr. Shauri, die ebenfalls zu diesem Konvent gehört, ist derzeit zur Behandlung in einer Klinik in Dar es Salaam.

Während sich die Schwestern Anna-Luisa und Mwombezi sowie Florian Hecke zur Projekt- und Budgetbesprechung mit einigen Schwestern zurückziehen, führt uns Sr. Pascalina zur Krankenstation. Diese wurde 2004 von Sr. Gabriele gegründet, war dann aber für längere Zeit geschlossen. Erst aufgrund der beharrlichen Bemühungen von Sr. Mwombezi konnte die Dispensary jetzt offiziell registriert werden – und war nicht über die Erzdiözese Songea, was eigentlich das Gegebene wäre, sondern über die Diözese Mbinga als Außenstelle des Konvents im weit entfernten Maguu. Allein dieser Sachverhalt macht die komplizierten (kirchen-)politischen Verhältnisse der Region deutlich. Seit einem halben Jahr können die Schwestern in Ligera wieder Patientinnen und Patienten aufnehmen und behandeln. Und obwohl des nächste staatliche Health Centre nur zwei Kilometer entfernt ist, kommen die Menschen bereits jetzt lieber hierher. Wir besichtigen das bescheidene Ensemble, den Impfraum, den Verbandsraum, den Raum für Infusionen, die in Songea gekauft werden müssen; den Ordinationsraum für HIV- und Diabetes-Tests, die Medikamentenausgabe, den Kreißsaal. Wie viele Kinder hier durchschnittlich entbunden werden, kann derzeit noch niemand exakt beantworten; zu kurz ist das Dispensarium erst wieder aktiv, als dass verlässliche und verallgemeinerbare Daten ermittelt werden könnten. Aber seine Zukunft wird sicher darin liegen, dass es aus einem Bedarf der Bevölkerung heraus (wieder) entstanden ist. Wenn sie einen Wunsch für die nächste Zukunft äußern dürfe, fragen wir Sr. Mwombezi, worin dieser bestünde? Ein kleiner OP, sagt sie spontan.

Wir gehen weiter zu einem Tiefbrunnen mit Schwengelpumpe, aus dem sowohl die Dispensary als auch der Konvent ihr Wasser beziehen. Derzeit haben sie kein fließendes Wasser in den Häusern.

Es gibt freilich etwas unterhalb des Konvents eine andere Quelle, die gefasst und in einem kleinen Häuschen gesichert ist. Wir besuchen sie und treffen an dem nahegelegenen Waschplatz mehrere Frauen und junge Männer, die hier ihre Wäsche waschen. Eigentlich sollte diese Quelle über eine Elektropumpe die Gebäude mit fließendem Wasser versorgen. Aber das funktioniert nicht, erklärt uns der inzwischen dazu gekommene Ortspfarrer, Fr. Frowin Tindor. Ob das daran liegt, dass die Wasserleitung in der Nähe mit einer Machete fast durchtrennt und bislang nicht repariert worden ist, oder das Elektrokabel beschädigt; oder ob die Solaranlage nicht genügend leistungsfähig ist, um das Wasser in die Hochzisterne zu pumpen, oder der alternativ einzusetzende Generator defekt oder für den anderen Generator das Diesel zu teuer ist … Der Pfarrer hat eine Erklärung nach der anderen parat. Egal, es gibt kein fließendes Wasser. Worin das Problem wirklich besteht und wie es zu lösen ist, muss jetzt Schritt für Schritt geklärt werden. Und die Hoffnung richtet sich auf Sr. Maria Agnes in Mbinga; sie hat schon andere herausfordernde Wasserprojekte erfolgreich gemanagt.

Fr. Frowin hat uns auch andere Probleme dargelegt, mit denen er es tun hat. Seit vier Jahren ist er hier; er hat einen Master in Pädagogik und war eigentlich auf dem Weg zu einer Lehrtätigkeit in Songea, aber jetzt ist er Pfarrer in einer kleinen Gemeinde im Busch. Das Verhältnis zwischen Muslimen und Katholiken beträgt hier drei Viertel zu einem Viertel. Entsprechend schwierig sei es, seine Gemeindemitglieder zu motivieren. Und weil er mit dem Kirchenbesuch bislang gar nicht zufrieden war, lässt er seit zwei Wochen die Gottesdienstbesucher namentlich erfassen. Ihre Zahl sei durch diese erzieherische Maßnahme von etwa 70 bereits auf 135 gestiegen, erklärt er, als er uns das Heft mit der Präsenzdokumentation zeigt …

Der letzte Besuch gilt dem Kindergarten, zu dem täglich 78 Kinder kommen. Dort noch einmal großer Jubel und Tanz, vor allem, als Sr. Damiana die Süßigkeiten austeilt und die Luftballons, die Harald Geißler mitgebracht hat. Ihrerseits bekommt Sr. Damiana eine große, bunt verpackte Kiste mit Orangen und Papayas als Geschenk von den Kindern mit auf den Weg.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen im Konvent treten wir die Heimfahrt an. Um 18 Uhr treffen wir wieder in Ruhuwiko ein.

 

Ruhetag (Gastautor: Dr. T. Broch)

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Nach den anstrengenden letzten Tagen wird heute ein Tag der Erholung eingelegt. Gestern spätabends ist noch eine Gruppe aus Schwäbisch Gmünd unter der Leitung von Diakon Herbert Baumgarten angekommen, die sich noch lange fröhlich und glücklich über die gute Ankunft im Haus bemerkbar macht. Die Nacht ist kalt, und die Dusche am nächsten Morgen auch.

Heute ergibt sich also die wohltuende Gelegenheit, Fatuma, einer jungen Angestellten des Gästehauses, die Wäsche für die Waschmaschine anzuvertrauen, gemütlich einen Gang über das Gelände der Gehörlosenschule oder ins nahe Dorf zu machen und die Eindrücke auf sich wirken zu lassen.

Eindrucksvoll ist auch der Nachmittag. Gemeinsam mit den Gästen aus Schwäbisch Gmünd drängen wir uns alle in einen Dalla-Dalla, so heißen die privat betriebenen Kleinbusse, und lassen uns gegen ein geringes Entgelt bei drangvoller Enge zusammen mit einheimischen Fahrgästen in die Stadtmitte von Songea fahren. Vom Busbahnhof aus geht der Weg über die Hauptdurchgangs- und Geschäftsstraße zu Willi Schmitz, der in Songea eine Bäckerei mit Café und in der Nähe von Mbinga ein Gästehaus betreibt. Harald Geißler ist schon vorher beim Stand eines Holzschnitzers ausgestiegen und wird sich später mit einem Piki-Piki nach Rukuviho zurück fahren lassen. Die Gruppe aus Schwäbisch Gmünd lässt sich in Willis Café  nieder, wo sie Sr. Anna-Luisa, Sr. Damiana, Thomas Broch sowie ein Herr und eine Dame aus der Schwäbisch Gmünder Gruppe nach zwei Stunden immer noch antreffen werden. Selber gehen sie Einkaufen: die beiden Schwestern auf Bitte von Sr. Kaja Stoffe, aus denen in der Haushaltsschule von Mbinga Taschen genäht werden sollen; die beiden schwäbischen Begleiter Kangas und – die Dame – einen Kleiderstoff in wunderschönem afrikanischen Design, aus der man ihr in Ruhuviko umgehend ein Kleid nähen wird. Der Herr aus der Gruppe lässt unter großem Hallo der Umstehenden noch mit dem Piki-Piki zum Postamt bringen und stößt später erfolgreich wieder dazu.

Zurück bei Willi, geht’s gemeinsam noch zur Kathedrale von Songea, die nach dem Konzil im Sinne der konziliaren Communio-Theologie mit einem Zentralaltar gebaut und von dem deutschen Benediktinerpater Polykarp Uehlein OSB ringsum mit biblischen Szenen – nicht unumstritten – ausgemalt worden. P. Polykarp hat auch die neue Klosterkirche der Vinzentinerinnen in Mbinga ausgemalt.

Auf dem Busbahnhof ist der Dalla-Dalla nach Ruhuviko bereits fast voll. Umgehend bietet sich ein anderer Fahrer an, die gesamte Gruppe mit seinem derzeit nicht im Einsatz befindlichen Fahrzeug ins Gästehaus zu bringen. Für 10.000 Tansanische Schilling, also umgerechnet für etwa vier oder fünf Euro. Die Menschen müssen hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten.

 

Reisetag nach Ruhuwiko (Gastbeitrag: Dr. T. Broch)

Namabengo Blog

Heute ist Abschied von Mbinga, zumindest vorübergehend, denn in der kommenden Woche kommen wir noch einmal hierher, um endgültig Adieu zu sagen. Es gibt noch Gelegenheit zum Einkauf im Laden der Haushaltsschule, Sr. Kaja führt durch Garten und Feld, vom Turm des Wasserreservoirs kann das Kloster von oben fotografiert werden. Dann wird das Gepäck auf dem Dach des Landrovers verstaut, und eine erste schöne Etappe der Reise geht zu Ende. Am Abend wollen wir in Ruhuwiko sein, einer Station des Ordens mit einer großen Gehörlosenschule, einem Gästehaus und einem 18-köpfigen Schwesternkonvent.

Zunächst jedoch führt der Weg ins Bischofshaus von Mbinga, wo uns Bischof John Chrisostom Ndimbo zum Gespräch erwartet. Er ist als zweiter Bischof der 1986 neu errichteten Diözese Mbinga seit 2011 im Amt. Zwei Anliegen, die uns auf dieser Reise mehrfach begegnet sind, trägt Sr. Anna-Luisa ihm vor: zum einen die geplante Versetzung der Schwestern in den Dispensarien – vier Schwestern der Vinzentinerinnen würde diese Maßnahme betreffen –, zum anderen die Planungen bezüglich der Health Centres. Zum ersten Problem gibt sich Bischof John zuversichtlich. Er kämpfe dafür, dass die Schwestern bleiben können, betont er mehrfach. Noch an diesem Tag sei in der Diözese ein Gespräch dazu. Im Übrigen betreffe dies keineswegs das ganze Land, sondern lediglich die Region Mbinga, und auch dort werde es nicht von der gesamten Administration verfolgt. Was die Health Centres angeht, so sei vorgesehen, für jeweils vier oder fünf Dörfer ein solches Zentrum zu errichten bzw. vorhandene Dispensarien hoch zu stufen. Die Verantwortung für deren Errichtung und damit auch die finanzielle Last werde an die katholische Kirche abgetreten. Aber, so wird zu diesem Punkt vereinbart, man wolle diese Frage bei den nächsten Begegnungen Punkt für Punkt angehen.

Dann führt der Weg auf der Hauptstraße zwischen Mbinga und Dar es Salaam in nordöstlicher Richtung aus dem Matengo-Hochland hinaus. Die Landschaft wird nach und nach flacher, das fruchtbare grüne Hochland wird von trockenerem Buschland abgelöst.

Nächste Etappe ist Kigonsera, etwas abseits der Hauptstraße über eine unbefestigte Straße zu erreichen. Kigonsera besteht als älteste Pfarrei der Diözese Mbinga seit etwa 100 Jahren und wurde von den Benediktinern aus Peramiho erbaut – in der typischen benediktinischen Bauweise. Heute gehört die Pfarrei der Diözese und beherbergt u. a. ein Katechisten-Seminar, das bereits auf den ersten Blick völlig heruntergekommen wirkt. Sr. Hekima aus der Vinzentinerinnengemeinschaft in der Station gehört zu den Lehrkräften.

In der Schwesternstation werden wir einmal mehr herzlich empfangen und gastfreundlich bewirtet. Sr. Mwombezi, die uns vor einigen Tagen in Mbinga beim Geldwechseln behilflich war, leitet den Konvent, zu dem neben der bereits genannten Sr. Hekima die Schwestern Digna, Daniela, Maria Regina und Jeska gehören.

Der erste Besuch gilt dem Kindergarten, in dem wir von 90 Mädchen und Jungen erstaunt und etwas scheu begrüßt werden. Dann führt der Rundgang weiter zur Klinik, in der derzeit 30 Patientinnen stationär und etwa 17 oder 18 täglich ambulant behandelt werden. Wir sehen den Kreißsaal, in dem jeden Tag drei oder vier Babys entbunden werden, also rund 1.000 im Jahr, und auch den OP. Etwa 900 HIV- und Aids-Patienten werden im Hospital behandelt. Zuständig ist dafür ein staatliches Programm namens CTC – es ist uns schon öfter begegnet –, das sich in den Kliniken einmietet, ambitionierte Personalvorgaben macht und eine Gebühr für die Nutzung der Klinikräume bezahlt, aber keine Gehälter. Dr. Moses, ein 27 Jahre junger Arzt, begrüßt uns in seinem Ordinationszimmer. Er ist der einzige Arzt hier, und es bestünde durchaus Bedarf nach einem weiteren Kollegen; aber den können sich die Schwestern angesichts der Einnahmen der Klinik nicht leisten. Die meisten Patienten sind arm.

Auf der weiteren Route, auf der uns Sr. Mwombezi jetzt begleitet, lassen wir linker Hand das Dorf Ruanda mit seinen Kohleminen und den weithin sichtbaren Abraumhalden liegen. Die Vinzentinerinnen beliefern die Mine mit in Flaschen abgefülltem Mbinga-Wasser, das auch für uns überall auf dem Tisch steht. Dann passieren wir eine riesige Kaffee-Plantage mit großen, modernen Produktionsgebäuden, die sich links und rechts der Straße über mehrere Kilometer hinzieht. Sie gehöre einem Firmenkonsortium mit Sitz in Shanghai, erklärt Sr. Anna-Luisa. Auch ein künstlicher Stausee wurde für die Bewässerung wurde angelegt. Damit habe man den Schwestern auf der nahe gelegenen Station buchstäblich das Wasser abgegraben. Die einstigen Bewohner wurden für den Verlust ihres Grund und Bodens geringfügig entschädigt. Mit dem wenigen Geld kauften sich viele ein Piki-Piki, wie man die Kleinmotorräder hier nennt, die oft als Taxis genutzt werden. Dann war das Geld bald weg. Arbeitsplätze – das Versprechen, mit denen solche Projekte immer und überall schmackhaft gemacht werden – sind nicht entstanden. Wenn sie Glück haben, können die Menschen während der Kaffee-Ernte als Tagelöhner arbeiten. Man sieht es den Siedlungen, in denen noch viele alte, mit Stroh gedeckte Häuser stehen, an, dass die Menschen hier sehr arm sind.

Die Fahrt führt durch die Provinzhauptstadt Songea weiter nach Namabengo mit einer Station der Vinzentinerinnen und einem Hospital der Erzdiözese Songea, in der Sr. Ida aus dem Konvent arbeitet. Sie wird uns durch die Klinik führen, aber zuvor werden wir in allen Ehren von den Dorfbewohnerinnen empfangen, die für uns mit beachtlichem Temperament singen und tanzen, begleitet vom Rhythmus zweier Trommler. Die Klinik selbst, so erfahren wir, war bis vor kurzem in einem katastrophalen baulichen Zustand. In einem Projekt des Ordens wurden dann dringend erforderliche Gebäudereparaturen vorgenommen und neue Matratzen angeschafft. Heute ist die Immobilie wieder in einem Zustand, der einen geordneten Klinikbetrieb erlaubt. Der Bedarf, den die beiden hier tätigen Mediziner und insgesamt zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bewältigen haben, erfordert dies auch. Zwar sind an diesem Tag nur fünf Patientinnen und Patienten hier, aber vor allem in den Monaten Oktober bis Mai warten jeden Tag rund 45 Menschen mit allen möglichen Krankheiten darauf, behandelt zu werden, etwa 800 im Monat. Unter anderem wird auch hier das staatliche Aids-Programm CTC durchgeführt. Die beiden Ärzte, so erfahren wir, werden vom Staat bezahlt, fünf der übrigen Mitarbeitenden stehen auf der Gehaltsliste der Erzdiözese Songea. Dass sie bislang keine Entlohnung gesehen haben, macht die großen Schwierigkeiten deutlich, in denen dieses Bistum steckt.

Inzwischen sind auf einer kleinen Anhöhe im Freien vor dem Hospital Stühle aufgestellt worden, Ehrenplätze, auf der wir Gäste Platz zu nehmen gebeten werden. Der Frauen-Tanz-Chor wartet schon darauf, dass wir das Gebäude verlassen, um uns wieder stimmgewaltig zu empfangen. Der leitende Arzt dankt den Vinzentinerinnen von Untermarchtal für ihre Unterstützung, ohne die die Klinik ihre Tätigkeit nicht hätte fortführen können. Sr. Anna-Luisa ihrerseits betont, wie wichtig es für den Orden sei, den Menschen hier zu besseren Lebensbedingungen zu verhelfen. Immer wieder werden die Ansprachen von lautem Jubel der Zuhörer aus dem Dorf unterbrochen, die uns dann einer Prozession zum Schwesternhaus begleiten, wo uns neben Sr. Ida Sr. Hifadhi, die im Kindergarten arbeitet, die Köchin Sr. Fidea sowie Sr. Hilda, die neben der Hauswirtschaft auch die Farm versorgt, begrüßen und bewirten. Auch der Gemeindepfarrer stößt dazu und bedankt sich für die Unterstützung. Unterwegs hatte noch eine junge Frau die Gelegenheit genutzt, Sr. Anna-Luisa und Harald Geißler auf Schwierigkeiten mit ihrer Beinprothese anzusprechen. Unter reger Anteilnahme der umstehenden Kinder und Erwachsenen wird der Fall besprochen und Abhilfe zugesagt. Die junge Frau war früher in Loreto, dem Haus für Kinder und Jugendliche mit körperlichen Behinderungen bei Mbinga, dem schon zu Beginn der Reise unser Besuch gegolten hat. „Ich fühle mich halt für die Loreto-Kinder ein Leben lang verantwortlich“, meint Sr. Anna-Luisa.

Während des gesamten Essens werden wir von draußen mit Trommeln und Gesang gegrüßt, und bei der Abfahrt klingt der Jubel noch lange hinter uns her.

Zurück über Songea, erreichen wir kurz vor 19 Uhr Ruhuwiko, beziehen unsere Zimmer im Gästehaus St. Martin, das im vergangen Jahr eingeweiht worden ist, essen gemeinsam mit den Schwestern des dortigen Konvents zu Abend und verabschieden uns nach kurzem Gespräch zur Nachtruhe. Reisetage sind anstrengend.