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Orte der Hoffnung (Gastautor: Dr. T. Broch)

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Der morgendliche Rundgang von Sr. Anna-Luisa, Sr. Damiana, Harald Geißler und Thomas Broch führt zunächst einmal am Pfarrhaus des Spirituals zur Linken, mit einem wunderschön angelegten Garten, und an der Kirche St. Alois und dem dazu gehörigen Pfarrhaus zur Rechten vorbei. Hier hatten die Benediktiner die erste Kirche gebaut, damals auch Bischofskirche, und mit der Pastoral in Mbinga begonnen. Das Pfarrhaus, so erfahren wir, wird heute vom Generalvikar der Diözese Mbinga bewohnt. Auch die Armenküche des Klosters im Haus Bethanien liegt am Weg, wo schon ein paar Männer darauf warten, dass sie geöffnet wird; ebenso das zum Kloster gehörige Kaffeefeld. Unweit davon der Friedhof der Stadt, der sich durch seinen bizarren Baumbestand deutlich von der Umgebung abhebt; davor der kleine Schwesternfriedhof – zwei Gräber sind noch nicht lange belegt, man sieht es an den Stanniol-Girlanden, mit denen sie geschmückt sind. Auch Sr. M. Rainburga ist hier begraben, die Gründerin des Klosters in Mbinga; ebenso Sr. Dr. Gabriele Winter, die Ärztin, die 2012 bei einem Verkehrsunfall ihr Leben verlor. Beide werden im Konvent bis heute hoch verehrt.

Manche der Gräber auf dem Friedhof der Stadt sind verfallen, andere sorgfältig renoviert. Allen gemeinsam ist, dass sie fest verschlossene Gehäuse sind, gemauert oder aus Beton. Es ist die Angst vor den bösen Geistern der Ahnen, die die Nachkommen zu größtmöglicher Sicherheit nötigt.

Das St Vincent Health Centre ist die erste Station, die wir besuchen. Auf dem Hof herrscht großer Andrang: Viele Mütter, sehr wenige von den Vätern begleitet, warten hier geduldig, bis ihre Säuglinge und Kleinkinder gewogen und untersucht werden. Den Kindern ist das Geschehen unheimlich, entsprechend laut ist das Geschrei der Kleinsten, während die Größeren etwas eingeschüchtert wirken.

Drei Ärzte und eine Zahnärztin, eine Ordensschwester, hat das Health Centre, dazu vier weitere Schwestern und anderes medizinisches Personal. Der leitende Arzt – der Medical Officer, dem im Haus zwei Assistent Medical Officers zur Seite stehen – empfängt uns freundlich in seinem Büro. Er ist in Sorge um sein Helath Center, weil der Orden in Kihaha, einem anderen Stadtteil von Mbinga, eine neue Klinik bauen will. Die Stadt wachse beständig, meint er, es bestehe durchaus Bedarf sowohl an einer Klinik mit hohem medizinischem Level als auch an einem Haus der Basisversorgung wie das St Vincent Health Centre. Er wirbt deutlich auch hier für einen Ausbau. Sr. Anna-Luisa stellt allerdings in Frage, dass der Orden beides zugleich finanziell leisten kann … Hocherfreut begrüßt sie Sebastian, einen jungen Mann mit körperlicher Behinderung, der hier im Rollstuhl eine Verwaltungstätigkeit ausüben kann. Schon früh haben die Schwestern ihn gefördert, als er noch im Haus Loreto gelebt hat, einer Einrichtung des Ordens für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, die wir am Nachmittag besuchen werden. Auch dem Ordinationsraum der Zahnarzt-Schwester statten wir einen Besuch ab – bereits auf dem Behandlungsstuhl sieht eine Patientin, die offenkundig unter Zahnschmerzen leidet, dem weiteren Geschehen entgegen.

Unmittelbar daneben: das Haus Nazareth, ein weitläufiges Gebäude-Ensemble rund um einen kleinen Park mit schönem Baumbestand. Früher war hier eine staatliche Schule für Erzieherinnen. Vor etwa vier Jahren wurde ein College für Lehrerinnen darin errichtet, erfahren wir. Sr. M. Aurelia, die Leiterin führt uns; sie habe hier in wenigen Jahren Beachtliches aufgebaut, bemerken die deutschen Mitschwestern anerkennend. In zwei Klassenräumen werden wir von den Studentinnen empfangen, etwa 70 sind es in drei Klassen insgesamt. Dass sie fotografiert werden, löst große Heiterkeit aus – dass sie so ausgelassen lachen können, hätte man angesichts ihrer strengen schwarzen College-Uniformen mit weißem Kragen und dem disziplinierten Drill der anfänglichen Begrüßung eigentlich eher nicht erwartet. Ihre Zukunftschancen sind gut: einen Abschluss in der Primary- und der Secondary-School haben sie bereits absolviert, hier erhalten sie eine Hochschulausbildung. Nach zwei Jahren Schulpraxis an öffentlichen Schulen – vergleichbar mit einem Referendariat in Deutschland – können sie als Lehrerinnen angestellt werden. In einem Nebengebäude wird auf offenem Herd in großen Kesseln das Mittagessen gekocht – um 11 Uhr die erste Mahlzeit, die die jungen Frauen zu sich nehmen. Und in einem Schweinekoben am Rand des Areals leben schöne große Borstentiere; eines von ihnen ist bereits als Weihnachtsbraten auserkoren, es weiß davon nur noch nichts.

Noch einmal schauen wir im Haus Katharina vorbei. Die Kinder sind heute eigens dem Kindergarten fern geblieben und sauber angezogen, um die Gäste aus Deutschland begrüßen zu können – was sie auch ausgiebig tun: sie wollen auf den Arm oder auf den Schoß genommen werden, „Hoppe, hoppe Reiter“ spielen, in die Schaukel gesetzt und geschaukelt werden und überhaupt Zuwendung erfahren. Entsprechend fließen die Tränen, als wir wieder gehen. Zuvor haben uns die Schwestern in ihrem Wohnzimmer noch bewirtet, was natürlich dazu führt, dass auch die Kinder mit einem Teller voller Kekse wieder abziehen – mit Ausnahme von Alpha, der nicht von der Seite von Sr. Anna-Luisa weicht, die ihm nach der Geburt das Leben gerettet und seither ein besonders sorgsames Auge auf ihn hat. Sein kleiner Zwillingsbruder ist gestorben. Um ein verstorbenes Zwillingskind trauert man nicht, sagen die Einheimischen, sonst hat das überlebende Kind kein gutes Leben. Wie fremd uns manche kulturellen Traditionen dieses Landes doch sind. Alpha wünschen wir ein gutes Leben, auch wenn der Tod seines kleinen Brüderchens sehr traurig ist.

Der Nachmittag führt uns aus der Stadt hinaus: Sr. Anna-Luisa am Steuer des Landrovers, Sr. Damiana auf dem Vordersitz, Harald Geißler und Thomas Broch auf dem Rücksitz. Nachdem in der Hauptgeschäftsstraße in Mbinga ein reichlicher Vorrat an Süßigkeiten erstanden ist, geht es hinaus aufs Land – irgendwann wird die geteerte Straße verlassen, und der Staub des ausgefurchten Wegs färbt die Landschaft weit nach links und rechts tief rot ein, das Gras, die Bäume, die Häuser, bis der Blick wieder frei wird für die schöne Hügel- und Berglandschaft am Horizont.

Idyllisch schön gelegen ist auch das erste Ziel: Loreto, ein Haus der Vinzentinerinnen für etwa 70 Kinder mit unterschiedlichsten körperlichen Behinderungsbildern, manche leichter, manche schwer. Auch das eine oder andere Kind ohne Behinderung ist darunter, z. B. wenn es zu alt für das Waisenhaus St. Katharina ist und nicht weiß, wo es sonst leben soll. Hier können die Kinder zur Schule gehen, eine Primary-School, die auch von den Kindern der umliegenden Siedlung besucht wird. Sieben Schwestern leben und arbeiten dort. Als erstes begrüßen und bewirten sie uns gastfreundlich, dann führen sie uns über den sonnenbeschienen Innenhof in den großen neu errichteten Versammlungsraum, wo ein großer Teil der Kinder bereits auf uns wartet und uns im Chor begrüßt: Welcome, how are you, thank you for your visit, asante sana … Die Süßigkeiten werden ausgeteilt und tragen zur guten Stimmung bei. Harald Geißler taucht in seine berufliche Vergangenheit als Arzt in Tansania ein, schaut zusammen mit den Schwestern die Behinderungen mehrerer Kinder an, äußert seine Einschätzung, macht sich Notizen – vielleicht lässt sich ja im einen oder anderen Fall Hilfe schaffen. Es wäre den Kindern zu wünschen.

Gemeinsam mit Sr. Gertrud und Sr. Maria Sophia besteigen wir wieder den Landrover – die beiden Schwestern aus Loreto bestehen darauf, die Notsitze im Heck einzunehmen – und steuern über abenteuerliche Wege das nächste Ziel an, die Baustelle für den Neubau von St. Katharina, das Waisenhaus, das in der Stadt aus allen Nähten platzt. Hier steht ein Areal in weiter, offener Landschaft zur Verfügung – weit genug, um später einmal das jetzt entstehende Hauptgebäude durch weitere Wohngebäude zu ergänzen. Der Bau ist bereits weit vorangeschritten: die Bodenplatte aus Beton für den Hauptwohntrakt ist gegossen, die Fundamente der Gebäudeflügel um den typischen freien Innenhof herum sind gelegt. Ziegelsteine, Sand, Wasserleitungs-Rohre stapeln sich in großen Mengen rund um die Baustelle. In der Umgebung der Wellblech-Bauhütte stehen die Männer und halten guten Rat, derweil die Frauen, drei an der Zahl, immer noch große Tonnen mit Sand füllen und die schweren Lasten auf dem Kopf zur Baustelle tragen und dort abladen. Sie tun dies mit Stolz und Würde. Ein Kind, vielleicht zwei Jahre alt, ist auch dabei und scheint die Baustelle mitsamt den herumliegenden Blecheimern durchaus als Spielplatz zu goutieren, während die Mutter Sand schleppt. Man könnte dies als Beispiel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bezeichnen …

Den Waisenkindern von St. Katharina ist ihr neues Heim von Herzen zu gönnen. Im September 2017 soll es fertig sein, sagen die Schwestern und der Bauleiter voller Überzeugung – und sei es auch nur der Rohbau, es geht voran.

Herzlicher Abschied von Sr. Gertrud und Sr. Maria Sophia, die es vorziehen, den Rückweg nach Loreto mit einem Abendspaziergang zu verbinden, trotz des vielen roten Staubs.