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Visionen und Hürden – die Station Mkenda in der Ruvuma-Tiefebene (Gastautor: Dr. T. Broch)

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Auch an diesem Tag geht es in Richtung Süden. Das Reiseziel ist Mkenda, eine Station der Vinzentinerinnen – etwa 5 km von der Grenze zu Moςambique entfernt. Wegen einer Brückenreparatur auf der eigentlichen Route verlassen wir bereits in Songea die Damac-Road und biegen auf eine unbefestigte Straße von sehr unterschiedlicher Beschaffenheit ab. Aber der viele Staub wird dadurch aufgewogen, dass wir viel näher bei den Siedlungen und unmittelbarer bei der Landschaft sind. Felder mit Orangenbäumen in Stadtnähe wechseln ab mit brachem Buschland und kleinen Feldern, die der Subsistenzwirtschaft der Kleinbauern in den Anwesen und kleinen Siedlungen links und rechts dienen. Überraschend durchfahren wir ein vom Ruvuma-Fluss gespeistes Sumpfland, in dem sich ganze Felder von Springkraut mit großen, pinkfarben leuchtenden Blüten vom Schilfbewuchs abheben. Hier wird Reis angebaut – eines der wenigen Anbaugebiete neben Lipillipilli, Peramihu und der Gegend am Nyassa-See. Zwischen Ndanda und Mtwara im Osten allerdings haben auch die Chinesen große Ländereien aufgekauft, in denen sie Reis für den eigenen Bedarf anbauen – praktischerweise in der Nähe zum Überseehafen in Mtwara am Indischen Ozean. Immer wieder wechselt die Farbe des Bodens zwischen rostrot und ockergelb und damit auch die Farbe der Siedlungen, die überall sehr arm sind, aber oft auch malerisch wirken mit ihren Gebäuden und Vorratsspeichern in traditioneller strohgedeckter Ständerbauweise. Über eine weite Strecke hinweg begleitet uns die imposante Bergkulisse der Mbarika-Mountains mit bizarren Felsformationen und oder lang gestreckten bewaldeten Bergrücken. Und immer wieder öffnet sich die Landschaft und gibt den Blick frei auf ein unendlich weites unbewohntes Land. Man wähnt sich am Ende der Welt, und staunt doch stets neu, dass selbst hier, in der völligen Einsamkeit, allein stehende Anwesen oder kleine Siedlungen auftauchen.

Wir passieren nach etwa zwei Stunden das letzte größere Dorf vor der Grenze, Murukuru, und sind dann doch immer noch etwa eine Stunde auf tief durchfurchter Straße unterwegs, bis wir Mkenda erreichen und in eine Welt großer Stille, Einsamkeit und Armut eintauchen.

Vier Schwestern leben hier: Sr. Maria Goretti und Sr. Margret bereits seit sieben Jahren, und seit einem Vierteljahr Sr. Bona und Sr. Maria Martha, die zur vorübergehenden Aushilfe hierher entsandt worden sind.

Die Station hat eine berührende, aber zugleich auch bedrückende Geschichte. 2011, im Jubiläumsjahr zum 350. Todestag der Ordensgründer Vinzenz von Paul und Luise von Marillac, hatten sich Sr. Maria Goretti und Sr. Margret zu zweit aufgemacht, um ihr Leben mit den Armen in der Ruvuma-Tiefebene zu teilen, weitab von ihrem Kloster Mbinga. Die Gründung einer neuen Station war ein Wagnis, zumal die Ordensleitung nach einer starken Expansionsphase in den Jahren zwischen 2000 und 2007 verfügt hatte, keine weiteren Stationen mehr zu gründen, um die bestehenden stabilisieren zu können. Der starke missionarische Impetus der beiden Schwestern war also durchaus mit einem persönlich zu bewältigenden Risiko verbunden. Ein Projekt zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Murukuru mussten sie nach einiger Zeit wieder aufgeben. Dann zogen sie weiter nach Süden und lebten dann in Mkenda zunächst zwei Jahre in zwei kleinen Lehmhütten in völliger Armut. Von großer Armut und Bescheidenheit geprägt ist immer noch auch das Gebäude aus Ziegeln, das dann für sie errichtet werden konnte. Alle ihre Bemühungen stießen immer wieder auf Schwierigkeiten, die sich mit dem Blick des fremden Besuchers nur schwer durchschauen lassen. Begonnen haben sie mit einem kleinen Kindergarten, in dem heute nur noch wenige Kinder sind – wobei einige Kinder bei den Schwestern leben; ihre Eltern bringen sie dorthin, damit sie versorgt sind und etwas zu essen haben. Sr. Margret, die Krankenschwester, hat in einer offenen Hütte, ausgestattet mit einem Bett, einigen Plastikstühlen für die wartenden Patienten und Angehörigen und einigen ausgedienten Schulbänken, die für die Anamnese genutzt werden, eine kleine Krankenstation eingerichtet. Sie verfügt über keinerlei medizintechnische Ausstattung, aber die Menschen kommen von weit her, selbst aus Moςambique, um sich helfen zu lassen. Allein die Anwesenheit der Schwestern ist für sie Verheißung und Hoffnung. Als die Kinder des Kindergartens größer geworden sind, errichten die Schwestern eine kleine Primary-School, aber diese wird nicht von der Regierung registriert, weil diese hierfür keinen Bedarf sieht. Etwas abseits vom Schwesternhaus stehen die halbhohen unfertigen Mauern eines neuen Dispensary-Gebäudes, aber dieser Bau musste wieder aufgegeben werden, weil er konkurriert mit einem Straßenbauprojekt der Regierung – möglicherweise im Zusammenhang eines geplanten Outlet-Centres für ein Einzugsgebiet im Grenzdreieck Tansania – Moςambique – Malawi. Ebenfalls in Vorbereitung ist der Bau eines neuen Kindergartens. Das Areal dafür ist bereits vermessen und abgesteckt, in einer großem Lehmgrube leisten drei Männer aus Mbinga Schwerstarbeit – so genannte Brickling-People, die sich von Baustelle zu Baustelle für die Herstellung von Ziegeln verdingen. Lehmverschmiert präsentieren sie sich vor der Kamera, stolz auf ihre Arbeit; und sie sind enttäuscht, dass sie die Fotos wohl auf absehbare Zeit nicht zu sehen bekommen können. In zwei Wochen werden sie wieder weiter ziehen. Sie haben schon viel geleistet: Auf großen Flächen liegen die geformten Lehmziegel zum Trocknen aus, die bereits gebrannten sind zu großen Stapeln geschichtet. Daneben lagert eine Mange von grob behauenen Buntsandstein-Blöcken, ehemals für den Bau einer Kirche vorgesehen, jetzt für das Fundament des neuen Kindergartens. Der Lkw, der sie von Songea hierher gebracht hat, konnte die letzte Wegstrecke nicht mehr bewältigen; so mussten die Schwestern einen Traktor organisieren, der die Steine bis hierher transportierte. All das kostet zusätzlich viel Geld und viel Zeit – Details, die deutlich machen, wie mühevoll hier in Nkenda jede Entwicklung ist und welche Anstrengungen die Schwestern hier Tag für Tag aufbringen, um ihre Vision umzusetzen. Die deutsche Hilfsorganisation „Fly&Help“, die den Kindergartenbau finanziell unterstützt, muss sich wohl noch in Geduld üben und tut dies hoffentlich ebenso, wie die Bewohner der umliegenden Siedlung. Im Bau ist auch ein neuer Tiefbrunnen in der Nähe der Lehmgrube, weil der jetzige im Hof der Station nicht ausreicht. Es dürfte wohl kein allzu großes Problem darstellen, noch tiefer als jetzt zu bohren und die Lehmschicht zu durchstoßen, um auf ausreichendes sauberes Grundwasser zu stoßen. Das Brunnenprojekt hat möglicherweise Vorrang vor allem anderen.

Die Schwestern empfangen uns herzlich und freuen sich sichtlich über den seltenen Besuch. Im Jahr 2016 war hier der Rottenburger Domkapitular Paul Hildebrand zu Gast, hat Kinder getauft und mit den Schwestern und der Gemeinde die Eucharistie gefeiert. Zuvor hatte er das Gästehaus St. Martin in Ruhuwiko eingeweiht, in dem wir derzeit untergebracht sind. Das Gästebuch, in das wir uns in Mkenda ebenso wie in jeder anderen Station eintragen, wird von den Schwestern mit Stolz vorgezeigt. Es zeigt immerhin, dass doch immer wieder Menschen Anteil nehmen an dem Leben hier. Während Sr. Anna-Luisa mit Sr. Maria Goretti, die in 1990er Jahren einige Wochen in Deutschland war und immer noch gut Deutsch spricht, finanzielle Fragen bespricht, führen die anderen Schwestern uns über das Areal der Station, zeigen uns die Orte, von denen hier Rede war, ebenso auch den Hasenstall, das Hundegehege mit vielen noch ganz kleinen Welpen, den Hühnerstall, die offene Küche unter einem Strohdach, in dem die Kinder des Lehrers – drei Jungen zwischen etwa neun und zwölf Jahren – für sich eine Mahlzeit und für die Tiere das Futter zubereiten. Derweil kocht Sr. Maria Martha in der ebenfalls offenen Küche der Schwestern das Mittagessen, zu dem uns diese gastfreundlich einladen.

Danach gibt’s noch einen Abstecher zu der Brücke über den fünf Kilometer entfernten Ruvuma-Fluss, den Grenzfluss; sie verbinden die Grenz- und Zollstationen der beiden Länder Tansania und Moςambique. Zahlreiche Einheimische warten auf der tansanischen Seite auf die Erlaubnis, hinüber ins Nachbarland zu gehen; sie begegnen uns etwas später auf der Brücke, freundlich und zugleich erstaunt über die Fremden hier im ostafrikanischen Niemandsland. Sie gehören auf beiden Seiten der Grenze der selben Ethnie an; ihre Stammesgebiete sind, wie so oft in Afrika, durch willkürliche koloniale Grenzziehungen verschiedenen Staaten zugeschlagen worden. Aber dass die Menschen über die Grenze hinweg nach wie vor verbunden sind, wird daran deutlich, dass sich sehr viele Bewohner auf tansanischer Seite während des Unabhängigkeitskriegs in Moςambique als Flüchtlinge hier niedergelassen haben.

Wir bringen Sr. Maria Goretti, die uns zur Grenze begleitet und bei dem jungen Grenzbeamten für freundliches Entgegenkommen gesorgt hat, zu ihrer Station zurück und verabschieden uns von den Schwestern dort. Etwas traurig wirken vor allem die beiden älteren Schwestern, Sr. Margret und Sr. Maria Goretti, die mit so mutigen Visionen aufgebrochen sind und sich immer mehr vom Druck der Probleme und wohl auch von der Komplexität einer sich globalisierenden Welt überrannt sehen.

Zusammen mit Sr. Maria-Martha, die in Ruhuviko einiges zu erledigen hat, fahren wir im Licht der Abendsonne zurück und staunen über den Zauber dieser Landschaft.