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Interessantes, Belustigendes und Bedrückendes: ein Tag in Mbinga (Gastautor: Dr. Thomas Broch)

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Heute beginnt die Auszählung zur Wahl der neuen Regionaloberin. Nach der Eucharistiefeier und dem Frühstück lassen sich Sr. Anna-Luisa und Sr. Damiana dazu im großen Versammlungssaal nieder. Zwei Tage hatten sie dafür vorgesehen, gegen 11 Uhr sind sie allerdings bereits fertig, zumindest für den ersten Wahlgang – zur großen Überraschung von Harald Geissler und Thomas Broch, die sich derweil mit Sr. Kaja auf den Weg zur Besichtigung der weitläufigen Klosteranlage gemacht haben.

1969 ist das Haus St. Maria als erstes Gebäude der Vinzentinerinnen in Mbinga errichtet worden – mit folgender Vorgeschichte: Die Kandidatinnen in Untermarchtal hatten im Jahr 1958 im Rahmen einer Sternsingeraktion Geld für den aus Ertingen bei Riedlingen stammenden Abtbischof Eberhard Spieß OSB in der tansanischen Benediktiner-Abtei Peramiho gesammelt. Dieser war darüber zwar hoch erfreut, meinte jedoch, die Entsendung von Schwestern wäre ihm noch willkommener. So machten sich 1960 zunächst einmal vier Schwestern – eine davon mit Umweg über London – aus dem Schwäbischen auf den Weg und wurden in Maguu in einer Pfarrei eingesetzt. Fünf Jahre später, 1967, folgten vier weitere Schwestern. Der Gemeindepfarrer von Mbinga, ebenfalls ein Benediktiner, befand jedoch, für die Arbeit der Schwestern sei in der Provinzstadt mit all ihrer Not mehr Bedarf als in einem abgelegenen Nest. So siedelten die Schwestern um und übernahmen in Mbinga von der Pfarrei die Domestic-School, die Haushaltsschule. Weitere Schwestern kamen nach. Heute zählt die Gemeinschaft in Tansania über 230 fast ausschließlich einheimischen Schwestern, etwa 80 von ihnen leben zusammen mit 17 Novizinnen in Mbinga selbst; die anderen sind in 26 Stationen über vier Diözesen hinweg eingesetzt. In Äthiopien ist von Mbinga aus eine neue Region am Entstehen. Es ist eine große Gemeinschaft geworden.

Die Domestic-School und das dazu gehörige Internat gibt es immer noch. Derzeit leben und lernen dort 58 Mädchen und junge Frauen, regulär sind es zwischen 70 und 90. Sie haben die Secondary- und oft sogar die Primary-School nicht geschafft und stammen aus den ärmsten Familien, die meisten von ihnen können das Schulgeld nicht aufbringen. Bis zu 500 km reicht der Radius des Einzugsgebiets, aus dem sie nach Mbinga kommen; oft sind es Schwestern aus Mbinga, die auf die Not der Mädchen aufmerksam werden und sie hierher empfehlen. Wenn sie dann mit einem Abschluss als Näherinnen oder Köchinnen die Schule wieder verlassen, haben sie zumindest eine reale Chance auf bessere Lebensverhältnisse. Rund ein Drittel der Schwestern, die heute zu der Gemeinschaft gehören, waren selbst einmal Schülerinnen hier. „Man muss aufpassen“; lacht Sr. Kaja, „ich kann nie wissen, ob meine Schülerin nicht später einmal meine Oberin wird.“

Als wir durch die Schule gehen, ist erst ein Teil der Schülerinnen aus dem Urlaub zurück, mit ihren Gedanken sind sie wohl noch eher zu Hause als wieder hier im Schulalltag – auch mit all den Sorgen, die sie aus ihren Familien mit hierher genommen haben. In einer Klasse unterrichtet ein junger Lehrer gerade Mathematik, in einer anderen eine junge Lehrerin Englisch. In einem Raum voller Nähmaschinen sitzen zwei junge Männer und nähen; sie unterrichten sonst die Schülerinnen in dieser Fertigkeit, heute allerdings ist nur ein Mädchen da. Die Jugendlichen wirken ein wenig schüchtern; aber das sei nicht immer so, meint Sr. Kaja. Draußen im Hof kocht Angela – früher selbst Schülerin, jetzt als Köchin tätig – gerade am offenen Feuer in großen Kesseln eine Gemüsesuppe, kurz darauf werden die Schuluniformen ausgeteilt; nicht ohne Stolz präsentiert Sr. Kaja auch die farbenprächtigen kunstgewerblichen Arbeiten, die die Schülerinnen angefertigt haben und die ein wenig zum Einkommen beitragen. Aus dem benachbarten Gemeindehaus der Pfarrei dringen lautstark Gesang und auch Geschrei einer charismatischen Gruppe, die sich dort trifft. Man duldet das, damit die Menschen, die sich durch diese Form von Spiritualität angezogen fühlen, nicht eine der zahlenreichen Pentecostal-Kirchen abwandern, die auch in Afrika enorme Verbreitung und Zulauf finden.

Der Rundgang führt weiter: auf dem Hof vor den Werkstätten reparieren drei junge Männer gerade einen Traktor. In der Schreinerei werden Kinderbetten angefertigt; in der Schlosserei geben Kunstschmiedearbeiten – Grabkreuze, ein Osterleuchter, kleine mit Kohle beheizte Kocher – Zeugnis von den Fertigkeiten von Sr. M. Agnes. Im Hof des Konventsgebäudes sind Arbeiter dabei, riesige Mengen Brennholz zu verarbeiten.

Und dann eröffnet sich hinter Konventsgebäude und Kirche das weite Feld der Landwirtschaft: die Schweineställe, der Kuhstall, die Hühnerställe; in einem Zwinger sieben Hundewelpen. An einer Stelle trocknen ein Mann und eine Frau Kaffeebohnen. Es wachsen Bananenstauden, die Mangobäume blühen gerade, es gibt Papaya-Bäume und japanische Kirschen; Süßkartoffeln, Rosmarin, Kräuter und Gewürze vielfältigster Art – und das alles vor der wunderbaren Kulisse der Bergkette am Horizont.

Für das Nachmittagsprogramm sind zunächst zwei eigentlich nur kurze Ereignisse in der Stadt vorgesehen – so erscheint es uns wenigstens, obwohl wir gewarnt worden sind –: Geld wechseln bei einer Bank in der Stadt und Einkauf von SIM-Karten für die Mobiltelefone. Zur ersten Maßnahme: Ganz in der Nähe – nach einem kurzen Gang über den lokalen Markt voller farbenprächtiger Bilder und Eindrücke – finden wir eine Bank, die National Microfinance Bank PLC. Durch die Vermittlung von Sr. Mwombezi Mwenda, die wir zufällig vor dem Gebäude treffen, werden wir an den wartenden einheimischen Kunden vorbei ins Office geschleust. Dort erwartet uns, d. h. Harald Geißler und Thomas Broch, eine längere Prozedur. Wir dürfen Platz nehmen, bedächtig wird unser Anliegen erwogen, die vorgesehene Geldmenge reflektiert (und das auch noch in US-Dollar und Euro); die Pässe werden geprüft und gescannt, Formulare werden ausgefüllt – zuerst ein falsches, dann ein korrektes. Dann erfolgt sehr lange nichts. Ernst aussehende Herren gehen immer wieder in einen nur mit Code zugänglichen Raum, kommen wieder, verschwinden wieder darin. Der junge Angestellte, der uns schon zu Beginn bedient hat, flüstert uns mit gewichtiger Miene zu, wir sollten uns doch bitte gedulden. Das tun wir. Inzwischen sind Sr. Anna-Luisa und Sr. Damiana dazu gestoßen, eher etwas ungeduldig, aber auch dies beschleunigt das Verfahren nicht. Ein Herr, mutmaßlich in höherer Position, setzt sich zu uns, stellt sich vor, fragt uns nach dem Woher und Wohin und ob wir das Geld ins Ausland transferieren wollen, was wir verneinen. Auch er geht wieder. Sr. Mwombezi taucht auf, redet mit einem der Angestellten, wohl um den Fortgang der Dinge zu befördern … Drei Herren tauchen schließlich auf, setzen sich an ihre Schreibtische und schauen uns an, ein wenig plaudern wir mit einander. Schließlich, mehr als eine Stunde mag vergangen sein, kommt ein weiterer Herr mit einer dick mit Geldscheinen gefüllten Papiertüte. Der junge Mann vom Anfang erläutert uns das Zustandekommen der jetzt auszuhändigenden Geldsumme, erbittet unsere Unterschrift – das erste Vorhaben ist gelungen. Wir verlassen die Bank, ignorieren die Warnung, uns mit dem Geld weiter durch die Stadt zu bewegen, da wir sicher beobachtet worden seien, und suchen den Ort des nächsten Ereignisses auf: einen Verkaufsstand am Straßenrand, wo ein paar junge Männer SIM-Karten von Vodacom verkaufen.

Dort folgt der zweite Akt: SIM-Karten und Vochas zum Freirubbeln wären eigentlich schnell erstanden. Aber das Problem mit dem Freischalten … Nach vielen Versuchen der jungen Leute, die Passnummer ihrer Kunden über das Smartphone an den Anbieter zu übermitteln, scheitern schließlich daran, dass das mit deutschen Pässen nicht möglich ist. Aber Sr. Mwombezi weiß Rat: Sie führt je einen Personalausweis mit ihrem Ordensnamen Mwombezi und mit ihrem bürgerlichen Vornamen Joyce mit sich und stellt diese für die Registrierung der SIM-Karten zur Verfügung. So kommt Harald Geißler schließlich mit dem Alias Mwombezi an seine Legitimierung, Thomas Broch dagegen als Joyce. Auch Fotos der Schwester werden aufgenommen und den Daten beigefügt. Wenn das keine Persönlichkeitsveränderung ist. Es dauert dann noch geraume Zeit, bis alle technischen Erfordernisse funktionieren …

Vonnöten ist anschließend eine kurze Einkehr in einem hübschen Café – wo man uns mit Bedauern mitteilt, es gebe leider keinen Strom und damit sei auch die Kaffeemaschine außer Betrieb. Diese missliche Situation ändert sich allerdings bald wieder, so dass bei Kaffee und Cappuccino die Welt wieder anders aussieht.

Etwas abseits der Straße, die zum Kloster zurückführt, liegt St. Katharina, ein Waisenhaus der Schwestern. Ursprünglich war das kleine Gebäude rund um einen Innenhof für nur wenige Kinder vorgesehen, jetzt leben ungefähr 20 Kinder darin, die allermeisten im Kleinkindalter, darunter zwei Neugeborene. Ihre Eltern sind an Aids oder an anderen Krankheiten gestorben oder haben die Kinder einfach verlassen. Die Platznot ist enorm, die drei Ordensschwestern und die wenigen einheimischen Helferinnen völlig überlastet. Freiwillige aus Deutschland sind erst in einiger Zeit zu erwarten. Tagsüber sind die Kinder im Kindergarten der Schwestern, für den sie eigentlich viel zu klein sind. Außerdem kommen dort so viele Kinder hin, dass den Kleinen aus dem Waisenhaus gerade das nicht gegeben werden kann, was sie am Nötigsten bräuchten: individuelle Nähe, Zuwendung und Förderung. Die Kinder, die bei unserem Besuch bereits wieder zurück in St. Katharina sind, sind allesamt stark verschnupft, aber sie reagieren ausgelassen auf die unerwarteten Besucher, wollen herumtollen, suchen Zuwendung, wollen einfach auf oder in den Arm genommen werden. „Mir tut das Herz weh“, sagt Sr. Anna-Luisa. Wir brechen bald auf, weil es die Situation nicht leichter macht, wenn die Kinder vor dem Zubettgehen noch einmal auf- und überdrehen.