Ruhuwiko – Kigonsera – Mbinga

Ohne Baustellenbesichtigung durften wir natürlich Ruhuwiko nicht verlassen. Zwischen riesigen Pfützen auf Baubrettern mit alten Nägeln sind wir durch die Baustelle des Gästehauses  balanciert, auf der manche Arbeiter barfuß arbeiten. In der Schreinerei der Schule hatten die gehörlosen Schüler mit ihrem Meister das erste Bett fertig gestellt. Erst nach einem Probeliegen wurde allen Beteiligten klar, dass die nächsten Betten länger werden müssen.

In Kigonsera erwartete uns dann die freudige Überraschung, dass nun alle Teile des Hospitals mit Strom versorgt werden können, dafür ist der Bau des Röntgenraums momentan wegen Geldmangels gestoppt. Während unseres Rundgangs wurde ein kleiner Sarg abgeholt. Ein zehnjähriger Junge wurde gestern von einem LKW angefahren und starb, kurz nach dem er eingeliefert wurde. Gestern war einer der heftigeren Tage in Kigonsera. Neben dem kleinen Jungen starb auch eine junge Mutter, die nach Komplikationen während der Geburt mit massiven Blutungen von einer kleinen Dispensary, natürlich ohne Krankenwagen, nach Kigonsera gebracht wurde. Doch auch da kam jede Hilfe zu spät.

Inzwischen sind wir in Mbinga angekommen und bereiten das große Schwesternmeeting morgen und übermorgen vor.

Schule aus

Fröhlich kommen die Kinder nach der Schule zurück ins Kinderdorf Ilunda und machen uns den Abschied nach unserem kurzen Zwischenstopp doch ein bisschen schwer. Wir kamen ein wenig zu spät im Kinderdorf an (auf deutsch 1 Stunde zu spät). Ursache unserer Verspätung waren die vielen Radarkontrollen unterwegs. Man kann sich nicht vorstellen, dass in Tansania irgendein Verbrechen passiert, geschweige denn ermittelt wird, denn alle Polizisten stehen mit Radarpistolen an der Straße oder, wenn die Radarpistolen ausgegangen sind, kontrollieren, ob der Gurt angelegt wurde. Leider geschehen trotzdem unzählige Unfälle. Doch wir sind heute gut in Ruhuwiko angekommen. Gott sei Dank!

Bagamoyo – Dar – Iringa

Der frühe Morgen brachte schon einige Aufregungen mit sich. Um 6:30 Uhr fuhr unser Bus in Dar nach Iringa ab. Die Bustickets hatten wir, Gott sei Dank, schon besorgt, denn unterwegs gab es zur unserer Überraschung eine Reifenpanne. Aber Cleopha ist einfach ein erfahrener Daressalaam-Driver. Irgendwie haben wir es geschafft. Nullkommanichts war der Reifen ausgetauscht und Cleopha hat uns durch das morgendliche Chaos rechtzeitig zum Bus gebracht. Wenn man nicht gerade 1,75 oder größer ist, gab es nichts an unserem Bus auszusetzen, kein Wettrennen, ausreichend lange Toilettenpausen, Wasserflaschen etc. so dass wir gut und wohlbehalten hier in Iringa ankamen.

Das Gästehaus Neema (Gnade, Glück) ist ein Ort ganz nach unserem Geschmack. Das Gästehaus wird von Menschen mit Behinderungen geführt, im Cafe schreiben die Gäste ihre Bestellungen auf einen Zettel, weil die Servierkräfte gehörlos sind. In einem kleinen Laden werden selbst hergestellte Kleider, Lampen, Bücher, Tischwäsche, Schmuck etc. verkauft. Und die Menschen sind eingeladen, die Werkstätten zu besuchen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen einen Arbeitsplatz gefunden haben. Wir waren begeistert von der Professionalität und Herzlichkeit. Auch das Gästehaus ist sehr liebevoll und kreativ eingerichtet, sodass wir uns richtig wohl fühlen können und viele neue Ideen mitnehmen.

Bagamoyo II

Mit einer Zusage für zwei Praktikumsplätze im Hotel Stella Maris und Begegnungen, die immer wieder Türen öffneten für neue Alternativen, geht dieser Tag zu Ende.

Bereits beim Frühstück lernten wir eine deutsche Freiwillige kennen, die uns zu Schwestern mit einem Kinderheim weiter vermittelte. Dort wurden wir gleich zum Mittagessen eingeladen und lernten so eine sehr beeindruckende Schwester kennen, die eventuell bereit ist, in Zukunft zum Thema Pädagogik mit uns weiter zu arbeiten. Dazwischen konnten wir den Spuren des Sklavenhandels nachgehen und uns über die deutsche Kolonialgeschichte informieren – und natürlich im Meer baden!

Morgen ist die Nacht um vier Uhr zu Ende und es geht weiter nach Ilunda.

Bagamoyo – der Ort, an dem VIELE ihr Herz nieder legten

Stella Maris heißt der Ort, an dem wir heute übernachten, ein Hotel direkt am Meer, geleitet vom Orden der Spiritaner. Ein wunderschöner Ort am Indischen Ozean, der Sklaven-Umschlagplatz an dem Tausende von Menschen ihre Reise in die Ungewissheit und in die Unfreiheit angetreten sind. Später wurde er zur Haupstadt Deutsch-Afrikas, inzwischen bemüht sich Bagamoyo um den Tourismus, bleibt aber immer mehr hinter Sansibar zurück. Nun soll hier der größte Hafen Afrikas entstehen. Zuvor wollen wir aber morgen noch einmal im Meer baden.

Doch es gibt durchaus noch andere Gründe hierher zu kommen. Wir wollen uns dieses Hotel natürlich genauer anschauen. Vielleicht ist es ein geeigneter Praktikumsplatz für die Schwestern, die in Zukunft die Gästehäuser in Ruhuwiko und Mbambabay leiten werden?

Außerdem stehen zwei Bildungseinrichtungen mit Montessori-Konzept für morgen auf dem Programm. Und dann reicht es sicher noch für ein Bad im Meer! Mit Lichtschutzfaktor 60!

Am Fasnetssonntag

Während daheim Fasnet gefeiert wird, tasten wir uns in Addis durch das Dunkle. Im ganzen Stadtviertel ist der Strom ausgefallen. Und so wird unser Abschiedsabend zum Candle-Light-Dinner im Priesterseminar mit sehr interessanten Diskussionen über die politische Lage, die Hoffnung und die Perspektivlosigkeit der Jugend, Drogen und das Engagement der Kirche. So wurden wir heute vor allem durch die Offenheit und das Vertrauen beschenkt.

Morgen fliegen wir weiter nach Tansania und im Gepäck die Hoffnung, dass wir einen entscheidenden Schritt weiter gekommen sind. Die Krise, wenn man die Situation der Schwestern so beschreiben kann, ist aber noch nicht überwunden. Manche wirken erschöpft und resigniert, weil sie so lange auf Hilfe – von wem auch immer – gewartet haben, so lange mit dieser Orientierungslosigkeit zurecht kommen mussten. 

So sind in unserem Reisegepäck einige Aufträge, aber auch offene Fragen und viele ungelöste Probleme – und trotzdem ist die Hoffnung stark, das es weitergeht.

Zwischen Hoffnung in die Zukunft der jungen Gemeinschaft und Ohnmacht gegenüber mancher Realität im Land

Nach unserem Hoffnung machenden und klärenden Meeting mit den Schwestern und dem Bischof war noch Zeit für einen Spaziergang durch die Stadt. Kurz haben wir uns ins Hospital der Regierung gewagt, um dann doch vor Entsetzen vor den Zuständen zu flüchten. Manchmal produziert die Wut Tränen. Die Schilder der verschiedenen Spenderorganisationen zeigen, was eigentlich erst vor kurzem renoviert wurde. Ohne die Schilder wäre uns nichts Neues aufgefallen.

Ein paar Meter weiter wagten wir uns auf das Gelände einer orthodoxen Kirche und trafen lauter offene, neugierige und gastfreundliche Menschen. Ein alter Pope lud uns dann sogar in sein Haus ein. Selbstverständlich wurden wir zu Injeera, dem säuerlichen Fladenbrot und Tee eingeladen und zogen – mit äthiopischen Kreuzen beschenkt und um ökumenische Erfahrungen reicher – weiter.

Auf dem Heimweg nach vielen, sehr freundlichen Begegnungen und Begrüßungen entdeckten wir dann auch die obligatorischen Khatverkäufer und ihre zu gedröhnten Kunden oder Opfer. Khat wird in Äthiopien legal gehandelt. Unterwegs hatten wir immer wieder v.a. Männer mit Bündeln von Khatblättern zum Markt laufen sehen – nun wurden wir Zeugen der verheerenden Wirkung.

Und wieder bleibt nach solch einem Tag die Hoffnung, dass die neue Gemeinschaft zu einem Segen wird für dieses Land!

Es ist ein Wunder…

Der Friedhof von Komto

Der Friedhof von Komto

Gräber

Gräber

Wie ein Wunder scheint es uns in diesen Tagen, dass diese jungen Frauen nach wie vor nicht aufgeben und um ihr Charisma und ihre vinzentinische Sendung kämpfen – gegen alle Widerstände,  Schicksalsschläge und Brüche in ihrer Geschichte.

Heute erfuhren wir, wie sie von dem Grundstück, dass ihnen eigentlich gehörte, auf dem die Gemeinschaft begonnen hat und auf dem einmal das Mutterhaus gebaut werden sollte, vertrieben wurden und wie ihnen niemand half, ihre Rechte zu vertreten.

Wir besuchten die Dispensary, die Sr. Veronika leitet, in der vor Kurzem eingebrochen wurde, jemand das Mikroskop u.a. stahl und nun auch noch der Labormitarbeiter weggelaufen ist. Jetzt ist kaum noch eine vernünftige Diagnostik möglich. In Ariajavi will die Regierung die Dispensary schließen, weil der Entbindungsraum nicht in einem separaten Bauteil ist. Aber es finden kaum Entbindungen statt, die Frauen entbinden traditionell zuhause und Frauen mit Riskoschwangerschaften gehen in ein größeres Hospital. Doch nun steht die ganze Dispensary deswegen vor dem Aus.

In Komto, dem Lieblingsort der Schwestern, stehen ganz andere Herausforderungen an. Hier soll Holzwirtschaft angesiedelt werden, einige Flächen sind bereits aufgeforstet und die Farmer, die seit Generationen hier leben, werden sehr subtil vertrieben, denn der Staat hat kein Geld für offizielle Umsiedelungsmaßnahmen mit Entschädigungszahlungen. Die Methoden sind undurchsichtiger. Für die Gesundheitsversorgung und die Schule werden keine staatlichen Mittel mehr gezahlt. Die Straße (wohl nicht die passende Bezeichnung für diesen Transportweg, den unser Jeep nur mühsam an manchen Stellen bewältigt) wird nicht repariert. Den Bauern wird erklärt, dass es nicht ausreicht, nur für das tägliche Überleben anzubauen. Sie sollen moderne Landwirtschaftsmethoden anwenden, doch niemand unterstützt sie dabei… Auf unsere Frage, wer die Rechte dieser Bauern vertritt, ernten wir nur mitleidsvolle Blicke. „Wir sind nicht in Europa!“ wird uns erklärt.

Stimmt, keine Minute vergessen wir das, zum Beispiel wenn bei unserer Abendrunde das Geschrei der Hyänen uns von der Terrasse vertreibt, und wir zuerst den Zaun überprüfen, bevor wir uns ins Haus verkriechen.

Von Addis nach Nekemte (per SMS)

Unser neuer Bischof entpuppt sich unter anderem als sicherer Driver und als guter Manager. Seine Gesprächspartner bat er kuzerhand, uns entgegen zu fahren, wechselte dann das Auto, führte 40 Minuten lang das Gespräch und stieg dann wieder bei uns ein.

So hatten wir die Möglichkeit kurz einen Pater aus Malta kennen zu lernen, der verschiedene Kinderernährungsprogramme unterstützt u.a. in der Pfarrei, in der der Bischof wieder zu uns wechselte. So wurden wir Zeugen des Empfangs die die Kinder Father George bereiteten. Beeindruckt war ich von seiner Aufmerksamkeit für die Kinder, sofort entdeckte er das Kind mit dem schlechtesten Ernährungszustand einer nässenden Wunde am Fuß und Kleider, die nicht mehr als Fetzen waren. Das war nicht seine letzte Wunde, denn für Schuhe scheint es bei vielen Familien nicht zu reichen. Klar, wenn es nicht einmal zum Essen reicht.

Wir dagegen werden überall festlich bewirtet. Gegensätze, die nur zu ertragen sind, wenn man weiß, wie wichtig das Gebot der Gastfreundschaft ist. Von Nekemte aus besuchen wir morgen die beiden Stationen Komto und Ariajavi.

Addis Ababa (per SMS)

Addis Ababa, die „neue Blume“ wie die Stadt bei ihrer Gründung genannt wurde, haben wir heute ein wenig abseits der üblichen Wege kennen gelernt. Überall wird gebaut, riesige Straßenschluchten in die Stadt geschlagen, Hütten müssen der Metro und den modernen Hochhäusern Platz machen, den Armen bleibt dann nur ein noch armseligerer Bretterverschlag oder eine Plastikplane auf der Verkehrsinsel.

Im neuen Bischof ist die Wut auf das System (noch) zu spüren. Er erzählt von Korruption und Repression durch den Staat – und von den Hilfsorganisationen, die sich durch die Säkularisierung in Europa immer stärker von den privaten Organisationen und Kirchen abwenden und die staatlichen Stellen großzügig unterstützen – ohne zu beachten wie viele offenen Hände auf dem Weg von oben nach unten, zu den einfachen Menschen bedient werden müssen.

Morgen in der Frühe geht es weiter nach Nekemte. Wir freuen uns auf dei Fahrt durchs Land. Vielleicht ist es auch ein wenig Flucht vor dem Gefühl der Ohnmacht, die diese Stadt auslöst.