Zu schnell rennt die Zeit

Sr. Janeth und ich fahren schon wieder durch den Regen. Alles ist grün. Der Mais ist schon fast 50 cm hoch. Es sieht alles so fruchtbar aus.

Heute morgen schon  musste ich Mbinga verlassen. Die letzten zwei Tage standen noch Gespräche auf dem Programm. Vor allem aber war Zeit für die Erfahrungen und die Fragen der drei Freiwilligen. Spannend was die Drei so an ihren Einsatzstellen erleben, wie sie die so ganz andere Kultur erfahren, welche Herausforderungen sie sehen. Und es war mir eine echte Freude zu sehen, wie sie sich diesen Herausforderung und Fragen stellen. Isabel, Jana und Sarah, es hat mir viel Freude gemacht!

Heute Morgen gab es dann doch ein wenig Abschiedsschmerz. Irgendwie war die Zeit zu knapp. Aber wir sehen uns ja irgendwann wieder.

Ugali, Spinat und Dagga – Sonntagsessen in St. Monica

Inzwischen hat sich unsere ursprüngliche Reisegruppe in alle Winde zerstreut, mit dem Versprechen, sich zu den unterschiedlichen Themen wieder zu treffen und zusammen zu arbeiten. Ich bin in Mbinga zurück geblieben und hatte noch ein wenig Zeit mit Sr. Kaja, die Planungen für das begonnene Jahr anzuschauen.

Aktuell arbeiten Sr. Caritas und Sr. Kaja mit einer amerikanischen NGO (Nichtregierungsorganisation) zusammen, die immer wieder für 30 Jugendliche aus Familien, in denen die Eltern HIV-infiziert oder an AIDS erkrankt sind, eine kurze Ausbildung finanziert. Selbstverständlich sind einige der Jugendlichen selbst infiziert bzw. erkrankt. Drei Monate erhalten die Jugendlichen eine kurze Ausbildung im Nähen und Kochen und am Ende eine Nähmaschine, um sich ein kleines Einkommen zu erwirtschaften. Natürlich haben diese Jugendlichen zu einem späteren Zeitpunkt die Möglichkeit, die Berufsschule St. Monika für eine richtigen Ausbildung zu besuchen.

Doch das bedeutet, dass in bestimmten Zeiten im Jahr die Schülerzahl auf über 80 Schüler ansteigt. Unglaublich, so viele Jugendliche auf so engem Raum, ohne einen richtigen Speisesaal oder Aufenthaltsraum. Gekocht und gegessen wird im Moment im Freien. Heute, am Sonntag gibt es zum klassischen Ugali (Maisbrei) und Spinat Dagga, diese kleinen, getrockneten Fische aus dem Lake Niassa. Ein Festtag für die Jugendlichen und so lange es nicht regnet, essen die Jugendlichen auch gerne in dem schönen, blühenden Garten. Doch gerade jetzt in der Regenzeit kann es jeden Moment wieder beginnen, heftig zu schütten und damit wird klar, eine Halle muss gebaut werden.

Endlich in Mbinga angekommen

Gestern Abend kamen wir nach gefühlt 3000 überfahrenen Hubbel, die die Autofahrer zur Drosselung der Geschwindigkeit zwingen wollen, endlich in Mbinga an. Der Wechsel der Landschaft und die Gespräche über Literatur und unsere unterschiedlichen spannenden Projekte machten die Fahrt sehr kurzweilig. Eine seltsame Mischung. Till führte uns mit seinen Projekten immer wieder in Gedanken nach Nepal, nach Burkina Faso oder Mali. Luzius versuchte Till und mich von Schweizer Literatur zu begeistern und dazwischen landeten wir immer wieder bei den gesellschaftspolitischen Fragen rund um unseren Aufenthalt in Tansania – und das alles vor der beeindruckenden Kulisse Tansanias.

Heute nun stand wieder ein handfestes Projekt auf dem Programm. Das Krankenhausprojekt ging in den letzten Wochen erstaunlich gut voran. Ein Teil des gesammelten Geldes ist verbaut. Eigentlich war gedacht, wir beginnen klein und starten und bauen dann im laufenden Betrieb weiter. Doch auch hier haben die veränderten Vorgaben der Regierung uns mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nun müssen wir schleunigst das OP-Gebäude und den Kreißsaal bauen. Vorher darf das Krankenhaus nicht eröffnet werden. Nun muss der Lageplan ein wenig umgeplant, die Kostenschätzung angepasst und dann wieder das Fundraising aufgebaut werden. All diese Themen konnten wir heute vorbesprechen, Aufgaben verteilen, damit die Arbeit gut weiter gehen kann.

„Wir sind die Abtei im Busch“,

sagt Abt Pambo und lächelt verschmitzt.

In den 70er Jahren wurde Mwimwa gegründet von den Benediktinern von Hanga als ein monastischer Ort, als ein Ort des Gebetes mitten im Nirgendwo. Inzwischen ist die Kirche zu klein, gibt es verschiedene Werkstätten, Schulen, eine Krankenstation. Und nun wird also von Herbert Oberholzer eine neue Kirche gebaut. Deshalb war unsere Reisegruppe dort.

Es waren Tage voller Gespräche über Gott und die Welt und ich konnte die Zeit während den Baubesprechungen zu ausgiebigen Spaziergängen nutzen. Besonders beeindruckend die Wanderung auf den Berg über dem Kloster mit der herrlichen Aussicht.

Überall im Dorf luden mich die Frauen zu sich ein. Leider reicht mein Kisuaheli nur zum Austausch der Grußformeln, aber es genügt, um anschließend glücklicher auseinander zu gehen.

Utengule – die Weite des Rift Valleys

Bis Mbeya sind wir irgendwie mit dem Flugzeug gekommen. Kurz vorher hat die Fluglinie ihren Betrieb eingestellt, aber irgendwie kamen wir in einem anderen, späteren Flieger unter. Seltsame Bewegung auf diesem Markt zur Zeit. Während vor zwei oder eher drei Jahren etliche neue, teilweise auch günstige Möglichkeiten des Flugverkehrs entstanden, wird es nun zunehmend schwieriger. Bin gespannt, welche Entwicklung das nimmt. Der Markt scheint sich zu regulieren, von Reisenden wird Flexibilität gefordert.

Doch unsere Unterkunft hier in Mbeya gehört in die Kategorie „Traum“. Zumindest für mich! Ein wunderschöner Ort mit sagenhafter Aussicht, Hanglage, mitten in der Natur, Blick auf die Weite des Rift Valleys – und einem Pool! Wie genial, nach solch einem Reisetag, neben Mangobäumen, an denen tatsächlich Nester von Ledervögeln hängen, einige Runden im Wasser zu drehen. Außer unserer Reisegruppe, die diesen Ort für die erste Architektenbesprechung ausgesucht hat, scheint es ein Geheimtipp für Touristen auf der Suche nach Naturerfahrung im sogenannten Rift Valley. Und auch hier treffen wir auf Einheimische. Zwei Pfarrer nutzen an ihrem freien Tag den Pool zum Schwimmen.

Die Besitzer der Lodge, Schweizer, betreiben eine große Kaffeefarm, nachhaltig, ökologisch, fair, ein wichtiger Arbeitgeber hier am Rande von Mbeya, einer Grenzregion, 12 km von der Grenze zu Sambia entfernt. Projekte zur Bildung der Arbeiterkinder gehören – wie an vielen Orten – selbstverständlich zum Engagement. Zu einer Führung auf der Kaffeefarm reicht unsere Zeit leider nicht, denn Morgen früh geht es weiter.

Kipepeo heißt Schmetterling

…und wie Schmetterlinge haben heute am Kipepeo Beach in Dar es Salaam die Menschen den Sonntagnachmittag genossen. Alle möglichen Sprachen waren zu hören, Menschen aus unterschiedlichen Nationen suchten ihren Spaß im Wasser und am Strand. Nicht nur Touristen, auch Einheimische genießen dort inzwischen eine Auszeit aus dem Alltag. Für manche jedoch ist der Strand der Arbeitsplatz. Neben den typischen Souvenirhändlern fielen mir heute zwei Männer auf, die Eier verkauften. Mindestens fünf eher sieben Eierschachteln trugen beide auf dem Kopf am Strand entlang. Ein sicheres Zeichen dafür, dass nicht mehr nur Touristen dort baden. Leider konnte ich nicht mehr beobachten, ob er die Eier tatsächlich verkauft hat, oder ob es doch noch irgendwo Rührei im Sand gab. Denn als sicheren Transportweg kann das Balancieren roher Eier auf dem Kopf sicher nicht bezeichnet werden.

Provinz ist keine Landschaft, sondern ein Zustand (Manfred Rommel)

Manfred Rommel am Stuttgarter Flughafen überrascht mich mal wieder. Auf den Punkt gebrachte Lebensweisheit und Lebensstil der Region.

Untermarchtal, tiefste oberschwäbische „Provinz“, habe ich heute in der Frühe hinter mir gelassen. Dort trifft sich heute das Außenteam um den Jugendtag vorzubereiten…  so gar nicht provinziell!

Jetzt bin ich auf dem Weg über Zürich nach Dar es Salaam. Montag geht es weiter nach Mbeya, Dienstag Mwimwa. ein Ort, an dem ich noch nie war, von dem ich auch noch nie hörte. Ich bin gespannt. In der ersten Woche werde ich also keines unserer eigenen Projekte besuchen.Vielleicht ist es deshalb mal an der Zeit, sich auch im Blog Tansania in seiner Vielfalt zu nähern, den Fokus auf die Hilfsprojekte zu verlassen und anderen Perspektiven Raum zu geben. Ich vermute, das wird mir nicht immer gelingen. Aber ein Versuch ist es wert. Und es ist auch ein immer lauter werdenden Forderung der Menschen hier. „Zeigt doch auch die Schönheit unseres Landes“, „zeigt das ganz normale Leben“, „schaut nicht immer nur auf die Armut, auf das was in Euren Augen nicht funktioniert“… Vielleicht meinte Rommel was ähnliches, wenn er allen Verächtern des „Provinziellen“ erklärt, dass die Provinz meist in unseren Köpfen beginnt.

Am Ende bleibt dann die Frage: Und wie geht es weiter?

Nun sind viele Informationen, Visionen, Ideen und Adressen ausgetauscht worden und am Ende konnte niemand der alles entscheidenden Frage ausweichen, wie das Erlebte nun im Alltag zum Leben kommt und zwar zum Wohle der Menschen, für die sich diese Tagung stark machen wollte. Mich persönlich hat dabei beeindruckt, dass es gelungen ist, einen so umfassenden Blick auf die Probleme und Herausforderungen zu werfen, dass auch umfassend nach Lösungen gesucht werden kann und es nicht nur dann bei der Frage nach den finanziellen Mitteln endet.

Für uns konkret? In Untermarchtal, Mbinga und Äthiopien? Wir werden uns sicher in Zukunft stärker als Teil dieser vinzentinischen Familie fühlen und hoffentlich auch engagieren. Und wir werden konkret prüfen, ob wir mit einem der Projekte in Tansania ins 13-Häuser-Projekt einsteigen können. Zu Ende ist die Bewegung für uns bestimmt nicht. Es fühlt sich eher wie ein Anfang an!

Präsent an den Brennpunkten

Der zweite Tag hier in Rom führte uns an Brennpunkte auf allen Kontinenten. Neben allgemeinen Informationen, Zahlen zu den Flüchtlingsbewegungen überall auf der Welt und zu der wachsenden Gruppe der Obdachlosen berührten vor allem die Berichte aus den Projekten. Zum Beispiel die Geschichten von dem Vinzentiner aus der Ukraine, der am Tag nach dem die Regierung seines Landes den Kriegszustand ausgerufen hatte, von den Menschen, in seinen Projekten erzählt, die nach der Flucht im eigenen Land alles verloren haben und von Mitbrüdern und Freunden, die täglich in den umkämpften Gebieten Verwandte und Freunde verlieren. Die Berichte aus Südamerika machten auf die langanhaltenden Bürgerkriege und Unrechtssysteme, die Menschen aus ihren angestammten Lebensräumen vertreiben, aufmerksam. Teilweise Zustände, die sich seit zwanzig Jahren nicht zum Guten verändern. Und Schwestern erzählen von ihren Projekten in Kenia, Simbabwe oder Kamerun, die unseren Projekten in Tansania ähneln. Sr. Karin mit ihrem Bericht über die Willkommenskultur für die Flüchtlinge in Untermarchtal ergänzte das Bild.

Dazwischen werden in Workshops mit kleineren Gruppen Erfahrungen und Adressen ausgetauscht, sich gegenseitig Tipps zum Projektantrag oder zu Unterstützungsorganisationen zugesteckt. So dass das Ziel der Tagung, ein Netzwerk gegen Obdachlosigkeit in einem weiteren Sinn zu schaffen, auf jeden Fall erreicht worden ist. Kein Teilnehmer geht ohne neue Adressen nach Hause – und mit dem Gefühl, viele Mitstreiter überall auf der Welt zu haben.

Ein schöner „Zufall“ – am Abend feierten wir mit der römischen internationalen vinzentinischen Familie das Fest der „Wundertätigen Medaille“ in der gemeinsamen Eucharistie, der Ort, an dem die Anliegen und Nöte, mit denen wir uns während des Tages konfrontiert sahen, vor Gott getragen werden konnten.

 

Rom!

Rom hat einen eigenartigen Zauber an den frühen Abenden in dieser Jahreszeit. So dass es uns nach den Vorträgen und Diskussionen wie magisch nach draußen in die Stadt zieht. Und doch – auch die Vorträge und Diskussionen ziehen uns – trotz Verständigungs- und Verständnisproblemen in den Bann. Drei Personengruppen, die von Heimatlosigkeit betroffen sind und mit diesem Programm angesprochen werden, hat die vinzentinische Familie definiert, Menschen auf der Flucht, Menschen, die auf der Straße leben und Menschen, die in den Slums und Favelas dieser Welt kein sicheres Zuhause haben – mit freiem Zugang zu sauberem Wasser und Elektrizität .

Allein für den Eingangsvortrag des ehemaligen Generalsuperiors Maloney hat sich die Teilnahme gelohnt. Der Bogen wurde gespannt von den biblischen Erfahrungen von Heimatlosigkeit bei Jesus Geburt, über die Initiativen unseres Ordensgründers Vinzenz von Paul und seinen genialen Praktiken zum Fundraising für seine Projekte bis zur sogenannten Idee des Systemic Changes. Besonders diese Denkweise ist ein zentrales Kernanliegen der Tagung. Menschen zu befähigen, sozusagen eine entscheidende Stellschraube zur Lösung des Problems zu identifizieren. Die Idee dahinter ist, wenn die Veränderung an dieser Stellschraube ansetzt, kann sich die gesamte Situation für einen betroffenen Menschen oder eine Gruppe verändern.

In vielen offenen Diskussionen berichten Menschen aus aller Welt, welche Erfahrungen sie mit diesem Modell gemacht haben. Es geht um eine politische Initiative zur Neuregelung der Entlassung von Strafgefangenen in Großbritannien, einem Case-Management-Modell für Obdachlose in Kroatien, ein Flüchtlingsprojekt im Libanon und heute stellt Sr. Karin unsere Arbeit mit den Flüchtlingen im Mutterhaus in Untermarchtal vor. Sehr spannend!

Und am Abend auf den Straßen Roms werden wir dann jeweils mit der Realität konfrontiert. Selten habe ich in Europa so viele Obdachlose gesehen, die gegen Abend ihr Nachtlager aufschlagen. Rund um den Petersdom sind es ganze Familienclans. Diese Spaziergänge am Abend geben der Tagung noch mal eine besondere Dringlichkeit.