Lundumatu: Hindernisse und Umbrüche (Gastautor: Dr. Th. Broch)

Lundumatu Blog

Heute begleitet uns der Nebel auf unserer Fahrt nach Südwesten weit ins Bergland hinein. Lundumatu ist das Reiseziel, eine Schwesternstation der Vinzentinerinnen mit einer Dispensary und einem Kindergarten. Sr. Maria Agnes und Sr. Martina aus Mbinga begleiten uns wieder.

Kurz hinter Mbinga endet auch in dieser Richtung bald wieder die asphaltierte Straße, aber die erdgebundene Fahrbahndecke ist zunächst in einem guten Zustand, ja sie geht geradewegs in eine breite neue Fahrbahn über. An mehreren Stellen künden Werbetafeln davon, dass hier die Europäische Union ein Straßenbauprojekt umsetzt. Das geschieht nicht ohne Grund: Unweit unseres Reiseziels Lundumatu, etwa einen davon Kilometer entfernt, wurde Gold entdeckt; der Minenbetrieb soll in naher Zukunft aufgenommen werden, und die Straße wird benötigt, um den damit verbundenen Schwerlastverkehr aufnehmen zu können.

Dies wird die soziale Struktur der ländlichen Gegend stark verändern; es ist zu befürchten, dass sie sich mehr zum Schaden als zum Guten der Menschen auswirken wird. Unmittelbar betroffen sind die unmittelbaren Anwohner des Straßenbaus schon jetzt. Die schweren Baumaschinen, die links und rechts die Hänge abfräsen und gewaltige Erdmassen und Felsbrocken bewegen, haben die Ausschachtungen für die Straße zum Teil bis unmittelbar vor die Häuser vorgenommen, so dass deren Bewohner kaum mehr hinein gehen oder heraus kommen können, geschweige denn, dass es in den kleinen Siedlungen noch irgendeinen Platz gibt, der nicht unvorstellbar verdreckt ist. Manche Häuser sind mit einem weißen Kreuz gekennzeichnet; das bedeutet: sie sind zum Abriss vorgesehen. Wahrscheinlich werden die Besitzer eine kleine Entschädigung erhalten; dass diese die Kosten eines Bauplatzes und eines neuen Hauses deckt, dürfte fraglich sein. Womöglich wird das Geld auch anderweitig unmittelbar ausgegeben, so dass am Ende gar nichts mehr übrig bleibt, weder Haus noch Geld.

Immer wieder sind über längere Strecken hinweg die Baumaschinen am Werk, die Baustellen müssen mühsam umfahren werden. An anderen Stellen kommt der Landrover in engen und tief verschlammten Kurven kaum mehr weiter – trotz Allradantriebs. Aber Joseph, der Fahrer des Klosters, meistert souverän und mit gleichbleibender Ruhe die Schwierigkeiten.

Auf der Passhöhe der letzten Erhebung, bevor die Straße endgültig wieder bergab Richtung Nyassa-See führt, verändert sich mit einem Mal das Wetter, und die Sonne scheint aus einem strahlend blauen Himmel.

Unmittelbar an der neuen Straße, auf halber Höhe an der Südwestflanke der Berge, liegt die Station Lundumatu der Vinzentinerinnen. Der Wagen biegt in den angeschlossenen Innenhof ein, und wir sind in einer anderen Welt. Die Station wurde von den Benediktinern erbaut, mit einem Kreuzgang, der einen Garten mit Fischteich umschließt und in dessen Innerem sich die Mönchszellen aneinander reihen, in einem Flügel des Refektorium und die Hauskapelle. Das Haus wurde nie von den Benediktinern bewohnt, für die Schwestern ist es viel zu groß und der Unterhalt mit erheblicher Mühe verbunden.

Wie immer, so werden wir auch hier mit einer Begrüßungsmahlzeit empfangen, zubereitet von Sr. Justina, deren Reich die Küche und die Hauswirtschaft sind. Dann ist auch hier Budgetplanung angesagt, während Sr. Maria Agnes mit Sr. Damiana, Harald Geißler und Thomas Broch zum Rundgang durch die verschiedenen Bereiche der Station aufbricht. Da ist zunächst das Dispensary, das Sr. Bakitha leitet, gemeinsam mit vier Mitarbeitenden, darunter ein Arzt. Die häufigste Erkrankung, mit der man hier zu tun habe, sagt Sr. Bakitha, sei Malaria. Die Regierung plant, diese Einrichtung zu einem Health Centre höher zu stufen. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass künftig mit den Arbeitern in der Mine und im Straßenbau sowie mit den LKW-Fahrern ein höherer Versorgungsbedarf als bisher angenommen wird. Allerdings passt damit überhaupt nicht zusammen, dass Sr. Bakitha am 29. Juni einen Bescheid von der Regierung bekommen hat, demzufolge sie an ein Dispensary nach Matiri versetzt ist und dort Mitte August ihren Dienst antreten soll. Ein Konvent, in dem sie leben könnte, existiert dort nicht; und für einen täglichen Arbeitsweg zwischen Lundumatu und Matiri ist es viel zu weit. Außerdem existieren von diesem Dispensary bislang nur die Mauern ohne Türen und Fenster. Sr. Bakitha soll es aufbauen. Für einen Ersatz für sie in Lundumatu solle der Orden sorgen, das gehe die Regierung nichts an, erklärt man ihr. Dass sie sehr unglücklich ist, bedarf keiner weiteren Erklärung. Insgesamt betrifft dieses Vorgehen der Regierung vier Schwestern der Vinzentinerinnen. Es stehen in dieser Sache intensive Auseinandersetzungen zwischen dem Bischof von Mbinga und der Regierung an.

Der nächste Besuch gilt dem Kindergarten, den uns Sr. Oliva zeigt. Etwa 50 Kinder kommen täglich hierher, spielen, lernen, bekommen eine Mahlzeit, die bereits auf dem Herd in der kleinen Küche gart. Die Süßigkeiten, die die Schwestern mitbringen, lösen große Begeisterung aus. Das Feld mit Gemüse, Salat und anderen Nahrungsmitteln für den täglichen Bedarf der Schwestern wird von Sr. Clementina bestellt, die auch für die Frauenarbeit im Dorf verantwortlich ist. Es ist entlang einem Wasserlauf schön angelegt und wirkt sehr gepflegt.

Die Budgetplanungen ziehen sich etwas in die Länge. Die deutschen Gäste genießen daher bis zum gemeinsamen Mittagessen die Sonne auf den Treppenstufen zum Garten hin; und da die Verwaltungsaufgaben danach noch einer Fortsetzung bedürfen, haben sie dazu noch einmal Gelegenheit. Die Zeit intensiver Arbeit für die einen ist für die anderen eine Zeit ungewohnter, aber durchaus willkommener Muße.

Auf der Rückfahrt über die bereits bekannten Baustellen, Hindernisse und fertigen Straßenabschnitte ziehen im Licht des Spätnachmittags die Berghänge und am Horizont der Wasserspiegel des Nyassa-Sees den Blick noch einmal auf sich.

 

„Heute war unser Haus groß, weil ihr hier gewesen seid.“

IMG_8174

In Mbinga beginnt der Tag trübe und mit leichtem Regen. Wir sollen uns für die heutige Fahrt nach Mikalanga warm anziehen, werden wir vorsorglich ermahnt – es sei dort kalt und regnerisch. Das scheint sich zunächst zu bestätigen. Als wir – Sr. Anna-Luisa, Sr. Damiana, Sr. Maria Agnes und Sr. Martina aus dem Kloster sowie Florian Hecke, Harald Geißler und Thomas Broch kurz hinter Mbinga die asphaltierte Straße verlassen, werden wir im zunehmend höheren Bergland noch eine Weile von Nebel und leichtem Regen begleiten. Die Straße wird wieder steiler und zunehmend schlechter, die Berghänge rücken näher heran. Bis hoch hinauf ziehen sich klein parzellierte Felder, die von einer kleinbäuerlichen Struktur zeugen. An manchen Stellen ist das Firmenschild DAE zu sehen, eine Kaffeefirma, die die Kleinbauern unterstützt und u. a. in Mbinga das Café betreibt, in dem wir wiederholt eingekehrt sind. Über die Bepflanzung sind Netze gelegt, in der Mitte sind die Felder anders bepflanzt als an den Rändern; beides soll die steilen Hänge dagegen schützen, dass in der Regenzeit die Erde talabwärts geschwemmt wird. Das Ganze verleiht der Landschaft interessante Strukturen.

Von kleinen Abschnitt angesehen, wird die Straße immer mühsamer befahrbar. Die Berge werden felsig, immer öfter tauchen riesige Findlinge aus den Feldern auf. Dann öffnet sich die Landschaft in ein weites, hügeliges Hochland mit Felsen, die wie von Riesenhand ausgestreut wirken. Die Siedlungen wirken wohlhabender als die Dörfer unten, und das ist nicht verwunderlich: Die Menschen leben hier weithin vom Anbau von Kaffee, der auf weitläufigen Feldern wächst, unterbrochen und gegen die Hitze geschützt von Bäumen, vor allem von Bananenstauden, die überall dazwischen wachsen. Das Hochland ist wie eine Arena von Bergen umsäumt, die teilweise die 3.000-Meter-Region erreichen dürften. In einer Senke zwischen zwei Bergen vor uns sehen wir im Dunst den Nyassa-See liegen, der südlichsten der drei großen Seen im ostafrikanischen Grabenbruch. Wir werden ihn an diesem Tag noch öfter vor Augen haben und am Ende der Reise auch aufsuchen. Inzwischen hat der Himmel aufgemacht, und den ganzen Tag über wird uns strahlender Sonnenschein begleiten.

Nach rund eineinhalb Stunden erreichen wir Mikalanga, das Ziel der heutigen Reise. Dort werden wir im Konvent der Vinzentinerinnen von Sr. Maria Ursula empfangen, die das Haus und die Küche betreut und sich im Dorf um ein Frauenprojekt und um die Armenversorgung kümmert; außerdem von Sr. Rosalina, die hier als Katechetin tätig ist, von Sr. Nuru, die den Kindergarten leitet und als hervorragende Tänzerin bekannt ist, und von den Schwestern Julia und Renata, die in der Dispensary arbeiten. Wie überall ist auch hier der Empfang sehr herzlich, verbunden mit einer Begrüßungsmahlzeit. Dann befassen sich Sr. Anna-Luisa und Florian gemeinsam mit Sr. Martina und den Schwestern des Konvents mit der Budgetplanung für den Konvent und seine Dienste, während Sr. Maria Agnes die drei anderen Gäste aus Deutschland zu ihrem Projekt begleitet, für dessen Gelingen sie so dankbar ist. Mit uns kommt der Gemeindepfarrer; er ist erst seit kurzem hier, und die Schwestern sind sehr froh, dass sie in ihm einen zuverlässigen Seelsorger bekommen haben, der sich auch ihre Anliegen zu eigen macht.

Doch zuvor muss erneut eine Strecke zurückgelegt werden. Mit dem Auto geht es wieder aus dem Dorf hinaus zur gegenüberliegenden Seite der Senke, an deren Rand Mikalanga liegt, und dann wieder bergauf auf immer steiler und enger werdenden Straßen und Wegen, wo die Zweige der bis dicht an den Wegrand wachsenden Kaffeesträucher in den Wagen herein schlagen. Irgendwann ist dann auch der Landrover am Ende seiner Möglichkeiten angekommen, und wir gehen zu Fuß weiter den Berg hoch am Kaffee und an Bäumen vorbei, durch Buschland, in dem ab und zu ein Schwein nach Nahrung sucht oder eine Kuh weidet oder ein paar kleine Anwesen an den Hang geschmiegt sind. Außer zwei Kindern, die mit einem Schubkarren unterwegs sind, und einer Frau, die vor ihrem Häuschen fegt, begegnen wir niemandem.

Auf einem schmalen Fußweg geht’s zum Schluss noch einmal ein kleines Stück steil bergab – und dann stehen wir vor Sr. Maria Agnes‘ Projekt, einer betonierten Brunnenstube. Rund 1.800 m hoch dürfte dieser Platz sein. Ein per Handy herbei gerufener Mann aus der Umgebung öffnet das Schloss am Deckel mit einem Spezialschlüssel, und wir sehen klares Quellwasser, das aus den Bergen talabwärts fließt und durch den Druck der Wassersäule auf der anderen Seite der Senke wieder nach oben steigt und die 8.000-Liter-Zisternen der Schwestern füllt. Sr. Maria Agnes ist überglücklich, dass sie uns dieses Werk zeigen kann. Lange wurden die Schwesternstation, die dazu gehörige Dispensary und der Kindergarten aus einer anderen Quelle versorgt, deren Wasser verunreinigt war, so dass immer wieder Menschen davon krank wurden. Deshalb musste man diese Versorgung abstellen und hatte lange Zeit kein fließendes Wasser mehr im Haus. Jetzt bekommen die Schwestern endlich wieder klares und regelmäßig fließendes Wasser. Noch wird viel Sand mitgeschwemmt, aber dieses Problem wird bald beendet sein. Wie hat Sr. Maria Agnes diese Quelle tief im Bergland entdeckt? Den Menschen hier in der Gegend sei sie bekannt, sagt sie, und sie komme ja oft hierher. Und die Materialien, die für den Bau der Brunnenstube und für das Verlegen der Wasserleitung benötigt wurden? Man habe sie mit dem Landrover bis zu der Stelle gebracht, an der auch wir ausgestiegen sind. Und dann habe man sie hierher tragen müssen. Für uns Gäste aus Deutschland wird sehr deutlich, wie schwierig es hier ist, eine ausreichende Infrastruktur herzustellen, und mit welcher Selbstverständlichkeit wir uns zuhause auf ein funktionierendes System der öffentlichen Versorgung verlassen. Man lernt hier manches mit anderen Augen zu sehen.

Wieder zurück in der Schwesternstation, wo inzwischen auch die verwaltungstechnischen Aufgaben fast erledigt sind, werden wir mit einem Mittagessen empfangen, dann besuchen wir gemeinsam die Dispensary, wo im Innenhof einige Patientinnen und Patienten mit ihren Angehörigen die Zeit verbringen, und besichtigen den winzig kleinen Kreißsaal, wo Sr. Julia jeden Monat zwischen 20 und 30 Kinder entbindet; bei Komplikationen werden die Frauen in die Klinik nach Maguu gebracht. Von der Versetzungsinitiative der Regierung sind die beiden Krankenschwestern hier nicht betroffen. Dann führt der Weg noch in den Kindergarten; die Kinder sind allerdings bereits zur Mittagszeit nach Hause gegangen. Aber wir können den Vorschulraum mit den kleinen Tischen und Stühlen und der Tafel mit Rechenaufgaben besichtigen, die Spielgeräte und Schaukeln auf dem Hof, den großen neu errichteten Speisesaal. Die Eltern im Dorf haben sich bereitgefunden, diesen Saal zu finanzieren, nachdem in einem viel zu kleinen Speiseraum in einem anderen Kindergarten ein schlimmes Unglück passiert war: als die Kessel mit dem heißen Essen herbeigebracht wurden, haben die Kinder herumgetollt und einen der Kessel umgestoßen, ein Kind hat sich dabei so verbrüht, dass es gestorben ist.

Wir kommen an der Pfarrkirche vorbei. Sie ist am Chor von außen mit starken Balkenverstrebungen abgestützt, weil sie hangabwärts zu gleiten drohte. Jetzt wurden auch die Fundamente stabilisiert, und die Kirche und die angebauten Gemeinderäume sind sicher. Bau und Renovierung der Kirche wurden durch die Diözese Rottenburg-Stuttgart mehrfach finanziell unterstützt, und Bischof Dr. Gebhard Fürst hat hier bei einem Besuch im Jahr 2005 die Kinder der umliegenden Gemeinden gefirmt.

So herzlich wie die Begrüßung wird auch der Abschied in Mikalanga. Noch einmal werden wir bewirtet. Sr. Nuru bedankt sich in einer kleinen Rede für den Besuch und die viele Unterstützung, der Gemeindepfarrer schließt sich dem an und hebt besonders die Förderung des Wasserprojekts hervor. „Jetzt haben wir bald stabiles und sehr klares Wasser“, sagt er, „wir freuen uns darauf.“ Mit Tanz und Gesang überreichen die Schwestern uns Gästen aus Deutschland Geschenke: wunderschöne Kangas und für Florian Hecke ein Hemd mit afrikanischem Design. Diese Hemden stehen ihm gut; er hat schon viele bekommen und trägt sie auch auf dieser Reise gerne.

„Heute war unser Haus groß, wie ihr hier gewesen seid“, sagt Sr. Nuru zum Abschied.

Firmung in Utiri (Gastautor: Dr. T. Broch)

IMG_7961Blog

Sonntag. In der Pfarrei der Maria Immaculata in Utiri, etwa 12 oder 15 km außerhalb von Mbinga gelegen, ist Firmung. Als wir in dem Dorf ankommen, das auf einer kleinen Anhöhe mit weitem Ausblick liegt, werden wir von Fr. Lukas empfangen. Er ist hier Gemeindepfarrer, allerdings nur zu 30 Prozent, wie er erzählt; mit dem übrigen Teil seiner Arbeitszeit ist er Lehrer an einer Berufsschule in Mbinga. Außerdem organisiert er auf tansanischer Seite eine Kaffee-Kooperative, die den Kleinbauern der Gegend zu etwas Einkommen verhilft. Gemeinsam mit der Diözese Würzburg ist dafür eine GmbH gegründet worden.

Bis zum Beginn des Gottesdienstes, der auf 10 Uhr angesetzt ist, ist noch Zeit. Der Generalvikar der Diözese, der zur Firmung gekommen ist, hält mit den Kindern noch ausführlich Katechese. Aus der Kirche klingen seine über den Lautsprecher übertragene Stimme und die chorischen Antworten der Kinder. Das könne noch eine Weile so gehen, meint Fr. Lukas. Aber denn läuten doch die Glocken, die an einem Stahlgerüst neben der Kirche angebracht sind; die Menschen strömen in die Kirche, und um kurz vor elf Uhr beginnt der Gottesdienst.

Über 100 Mädchen und Jungen im Alter von 12 oder 13 Jahren werden heute gefirmt. Sie haben sich für das Fest herausgeputzt – die Mädchen zum Teil in weißen Rüschenkleidern oder in Glitzerstoffen wie Prinzessinnen, die Jungen in Anzügen, die ihnen noch etwas zu groß sind oder in ersichtlich neuen Hemden und dunklen Hosen, an denen rasch der rote Staub haften bleibt. Die meisten Mädchen tragen modische Schuhe mit hohen Blockabsätzen, in denen ihnen das Gehen ziemlich schwer fällt. Sie sind es halt gewohnt, barfuß zu gehen – und dies sehr elegant.

Dass Ministranten in langen Gewändern, mit Vortragekreuz, Kerzen und Rauchfass die liturgische Prozession zum Einzug anführen, ist man gewohnt; die sechs Mädchen – vielleicht acht oder zehn Jahre alt –, die in gelb-weißen Kleidern vorne weg tanzen, ergeben doch ein ungewöhnliches Bild. Und sie tanzen vor dem Altar den gesamten Gottesdienst über zu den rhythmischen Gesängen mit, die der große gemischte Chor stimmgewaltig anstimmt, begleitet von einer elektronischen Orgel, von Rasseln und Schellen. Und immer wieder mischen sich die Töne einer langstieligen blechernen Trompete, Bamaguru genannt, und eines Büffelhorns in die Klänge ein. Es ist ein aus vollem Herzen kommendes Halleluja.

Die Firmung sei das Sakrament des Glaubens, der Reinheit und des Geistes, predigt der Generalvikar. Und weil ihm die Aufmerksamkeit der Kinder und der Erwachsenen in der brechend vollen Kirche während seiner langen Ausführungen gelegentlich abhanden zu kommen scheint, unterbricht er sie immer wieder einmal mit Fragen an die Kinder oder auch mit einem kleinen Spaß, der die Leute laut lachen lässt.

Zur Firmung knien die Jugendlichen in langen Reihen auf die erste Altarstufe, eine Reihe nach anderen, hinter ihnen jeweils die Firmpatinnen und -paten – die Frauen zumeist in schönen, farbenfrohen Kangas. Der Generalvikar geht entlang, salbt die Firmlinge mit Chrisam und legt ihnen die Hand auf, nachdem Fr. Lukas jeweils den Namen des Mädchens oder des Jungen von einem Zettel vorgelesen hat, den diese in der Hand halten.

Zur Gabenbereitung folgen mehrere Gabenprozessionen auf einander, in denen die Gemeindemitglieder vor den Altar treten etwas Geld für unterschiedliche Anliegen in einen Korb legen. Der Gottesdienst nimmt seinen Gang, trotz der fremden Sprache auch für uns nachvollziehbar, weil die katholische Liturgie weltweit gemeinsam ist. Die Menschen wirken sehr andächtig, die Kinder aufmerksam. Manchmal macht sich ein Säugling ungeduldig bemerkbar, so lange, bis ihn die Mama stillt oder die Oma übernimmt und beruhigt. Es dauert sehr lange, mit den vielen langen und schönen Liedern, mit den Vermeldungen am Schluss, die immer wieder mit Beifall bedacht werden. Überhaupt gibt es viel herzlichen Beifall – nach der Predigt, nach einem besonders schönen Lied, bei der Vorstellung der deutschen Gäste durch Fr. Lukas, beim Dank an den Generalvikar, für den am Schluss des Gottesdienstes ebenfalls noch einmal eine Gabenprozession stattfindet, bei der der mit den Spenden Bedachte jeder und jedem Einzelnen die Hand gibt und sich bedankt. Eine schöne Geste.

Es ist inzwischen kurz vor zwei Uhr nachmittags, als wir mit den beiden Priestern an der Landwirtschaft des Pfarrhofs vorbei zum Gemeindesaal gehen, wo wir Gäste und die beiden Geistlichen auf erhöhten Ehrenplätzen bewirtet werden, während die ebenfalls hinzugekommenen Mitglieder des Pfarrgemeinderats vor uns in Stuhlreihen ihre Mahlzeit zu sich nehmen. Vor Beginn einer Sitzung mit dem Generalvikar, die sich an das Mittagessen anschließt, verabschieden wir uns von diesen herzlichen und gastfreundlichen Menschen. Fr. Lukas, der uns zum Auto begleitet, erläutert nicht ohne Stolz, dass er das Kirchenschiff jüngst auf fast das Doppelte erweitert hat – innen ist noch das unverputzte Mauerwerk zu sehen –, weil die Kirche viel zu klein geworden und jetzt sonntags immer noch randvoll sei. Zwei Glocken konnte er auf komplizierten Umwegen aus Würzburg hierher bringen lassen, die jetzt zum Gottesdienst einladen. Einen Kindergarten hat er gebaut, und jetzt folgt eine Schule für die Kinder des Dorfes. Vieles davon hat er privat bezahlt.

Er scheint ein Seelsorger in einem umfassenden und ganzheitlichen Sinne zu sein für die etwa 4.000 Mitglieder seiner – wie er sagt – kleinen Gemeinde, zu der neben Utiri selbst noch einige Dörfer in einem Umkreis von vier oder fünf Kilometern gehören.

Mit guten Eindrücken fahren wir wieder nach Mbinga zurück.

Lebensfreude und Sorgen (Gastautor: Dr. T. Broch)

IMG_7864

Heute ist Ausflugstag – nicht, wie ursprünglich vorgesehen, nach Litembo, sondern Richtung Osten nach Lipilipili und von dort weiter nach Mpepai. Die Straße führt, kaum, wir dass wir Mbinga verlassen haben, ins Bergland hinein, immer wieder an einsamen kleinen Anwesen vorbei, manchmal durch kleine Ortschaften, wo Kinder, Frauen und Männer neugierig unserem Fahrzeug nachschauen. Die Straßen sind kaum mehr als solche zu bezeichnen, sondern sind ausgefahrene, zum Teil tief ausgefurchte schmale Wege, mit steilen Auf- und Abstiegen und engen Kurven und Holzbohlenbrücken über kleinen Wasserläufen; immer wieder müssen sich die Räder das Landrover durch den tiefen roten Sand mahlen. Hohe Erd- und Steinhaufen am Straßenrand werden slalomartig umfahren; mit ihnen sollen die von der Regenzeit stark ramponierten Fahrbahnen wieder ausgebessert werden. Der rote Staub dringt durch alle Ritzen. Manchmal dehnt sich links und rechts der Straße Buschland aus, manchmal kleine Wälder, manchmal bebaute Felder oder kleine Bananenplantagen. Es ist ein grünes, fruchtbares, wasserreiches Land.

Hier, etwa 30 km oder bei diesen Straßenverhältnissen eine gute Fahrstunde von Mbinga entfernt, liegt Lipilipili, die Farm des Klosters. Schon von weitem ist das auf einer Anhöhe gelegene Gebäudeensemble vor der Bergkulisse im Hintergrund sichtbar. Lange Zeit waren diese Siedlung und die dazu gehörigen Ländereien der einzige Grundbesitz des Ordens. Aufgebaut wurde die Farm von einem deutschen Entwicklungshelfer, der heute als Br. Thomas Morus bei den Missionsbenediktinern lebt.

Wir biegen von der Straße auf einen kleinen Fahrweg durch den Wald ein und werden auf einer Lichtung von einer Gruppe junger Frauen und zwei Schwestern empfangen, die mit Jubel und Gesang die letzten vier- oder fünfhundert Meter bis zur Farm vor uns hertanzen. Es sind die Mädchen und jungen Frauen, die sich hier auf das Leben im Orden vorbereiten. Sr. Lamberta ist für ihre Ausbildung zuständig; gemeinsam mit 11 weiteren Schwestern lebt sie hier, und mit den Schwestern die so genannten Aspirantinnen, 13 von ihnen sind heute hier, sieben Kandidatinnen im zweiten Jahr – die Kandidatinnen des ersten Jahrgangs sind außerhalb an verschiedenen Orten eingesetzt – und fünf Postulantinnen. Außerdem ist hier noch Gracy, ein Mädchen von vielleicht zwei Jahren, deren allein erziehende Mutter gehörlos ist; sie wächst hier einfach als jüngstes der Mädchen mit auf, und sie scheint sich gut dabei zu entwickeln. Sechs Vorbereitungsjahre müssen die jungen Frauen absolvieren, bevor sie ins Noviziat, die letzte Vorbereitungszeit, eintreten. Allerdings kommen die Mädchen fast noch als Kinder hierher, und die lange Zeit der Orientierung ist durchaus sinnvoll.

Hier also werden wir herzlich empfangen, auch von Sr. Vincent Karama, die als erste tansanische Schwester in den Orden eingetreten und heute 73 Jahre alt ist. Zwischen einer ersten Mahlzeit zum Empfang und einer zweiten Mahlzeit zum Abschied – beide reichlich – führt uns Sr. Lamberta durch die Häuser, in denen die Mädchen und jungen Frauen mit ihrer jeweiligen Gruppe zusammen leben, durch die Unterrichts- und Gemeinschaftsräume. Es sind einfache Räume, aber angesichts der Lebensbedingungen der Familien, aus denen sie kommen, sicherlich ein wohnliches Lebensumfeld. Dass der Speisesaal der Aspirantinnen viel zu klein ist, ist wohl ein schon lange bekannte Problem und wird auch bei diesem Besuch thematisiert …

Der weitere Rundgang führt durch die Landwirtschaft. Sr. Zita, die in Mbinga Hausoberin und zugleich Leiterin der Farm ist – sie begleitet uns auf der Fahrt –, hat diese in den letzten Jahren wieder zu einem gewissen wirtschaftlichen Erfolg geführt. Von hier aus wird die gesamte Gemeinschaft mit Nahrungsmitteln versorgt; was über den Bedarf hinaus produziert wird, wird verkauft und dient dem Einkommen. Viel ist dies allerdings derzeit noch nicht; lediglich von der Maisernte kann die Hälfte auf den Markt gebracht werden, um den Erlös wiederum in Dieselöl für die Fahrzeuge und in Dünger für die Felder und Äcker zu investieren.

Wir gehen durch das weitläufige Areal, vorbei am Gemüsegarten und den Äckern, den Bananen- und Papayabäumen, schauen in die Kuh-, Schweine-, Hühner- und Hasenställe, lassen uns die Keller und Lagerräume für Bohnen, Sonnenblumenkerne, Mais zeigen … Und werden auch zu den beiden Dieselgeneratoren geführt, deren einer seit zehn, der andere seit drei Jahren nicht mehr funktioniert. Vielleicht können die Handwerker aus Mbinga sie reparieren. Eine Neuinvestition in diese Technik erscheint nicht mehr als sinnvoll, zumal der Orden ein Wasserkraftprojekt in der Nähe plant. Und für technische Geräte wie etwa die Kühlschränke ist Solarenergie allemal sinnvoller als Dieselgeneratoren. Vieles ist ein Lernprozess …

Wir fahren weiter, nehmen Sr. Vincentia mit, die derzeit hier ihren Urlaub verbringt und ansonsten Psychologie studiert, laden Sr. Zita an einem Feld ab, wo sie den restlichen Tag über arbeiten will, und setzen den Weg Richtung Mpepai fort, vielleicht eine Viertelstunde von hier.

Mpepai ist ein Dispensary, eine Krankenstation. Geleitet wird sie von Sr. Yasintha, die gemeinsam mit vier weiteren Schwestern hier lebt und arbeitet. Sie ist Clinic Medical Officer und aufgrund ihrer Zusatzausbildung auch Assistent Medical Officer mit weiter reichenden medizinischen Kompetenzen. Die Schwestern halten die Präsenz der Kirche in diesem Dorf aufrecht, nachdem der Ortspfarrer nach einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Konflikt mit der Gemeinde das Weite gesucht hat. Und sie stehen für die Verlässlichkeit der Kirche. Allerdings mit erheblichen Sorgen. Zwar sind sie nicht von den Versetzungsplänen der Regierung bedroht, weil ihre Gehälter aus einem so genannten Basquet-Fonds stammen, aber sie werden anderweitig durch regierungsamtliche Maßnahmen bedrängt. Das Dispensary soll zu einem Health Centre aufgewertet werden, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass hier jeden Monat etwa 60 Entbindungen vorgenommen werden, die künftig nur den Health Centres vorbehalten sind. Dafür aber müssen die Schwestern ein neues Gebäude für ihre Aids-Station bauen, das über die bisherigen Funktionalitäten hinaus mehr Platz für Beratung, Untersuchung, stationäre Aufnahme, Isolierung der TBC-Kranken u. a. vorhält. Rund 400 Aids-Patienten werden hier versorgt. Die organisatorischen Rahmenbedingungen sind für uns, einschließlich der Experten, nicht völlig durchschaubar. 25 Millionen Tansanische Schillinge, das sind ca. 12.000 Euro hat der Staat für den Neubau in Aussicht gestellt, allerdings unter der Bedingung, dass die Schwestern schon einmal mit dem Bau beginnen – und die zugesagte Summe schrumpft zusehends. Außerdem wird ihnen die Bedingung gestellt, dass sie bis September mit dem Bau eines OP beginnen, in dem wohl vornehmlich Kaiserschnitte durchgeführt werden sollen. Dafür stellt der Staat lediglich die Ausstattung mit Medizintechnik in Aussicht. Wenn der OP allerdings nicht gebaut werde, werde die Einrichtung ganz geschlossen, berichtet Sr. Yasintha, die immer wieder mit den Tränen kämpft. Sie kämpft aber auch mit der Schwierigkeit dieser Umstände. So hat sie, um den Baubeginn öffentlich sichtbar zu machen, schon einmal große Mengen Ziegelsteine heranschaffen lassen. Es ist ihr auch gelungen, von der Bevölkerung Spenden für den Erhalt der Einrichtung zu erhalten. Es sind kleine Beträge, die die armen Leute hier beisteuern können. Aber sie zeigen höchst eindrucksvoll die Solidarität der Menschen mit den Schwestern und ihrem Dienst, den die Kranken von weither in Anspruch nehmen.

Die Einrichtung gehört der Diözese Mbinga. Welche Unterstützung ist vom Bischof zu erwarten?

Trotz aller Sorgen: Auch hier werden wir mit einem gastlichen Mahl und mit dem temperamentvollen Tanz einer vierköpfigen Kindergruppe verabschiedet. Die Lebensfreude ist nicht zu beeinträchtigen. Beschenkt mit Kangas, einem Huhn und einem Hahn brechen wir zur Heimfahrt in traumhaft schönem Abendlicht und in die beginnende Dunkelheit hinein auf.

Ein Tag mit Alltagsimpressionen und Kontrasterlebnissen (Gastautor: Dr. T. Broch)

IMG_7721

Der Vormittag ist dem Einkaufen gewidmet – zu Fuß geht es durch die Hauptgeschäftsstraßen und die Nebengassen von Mbinga und nach einem Cappuccino in einem Café mit W-WLAN-Zugang über den alten Markt. Im Café sind Sr. Anna-Luisa und Sr. Damiana dazu gestoßen. Sie haben zuvor die Koffer mit Geschenken und Bedarfsartikeln aus Untermarchtal ausgepackt, die zwischenzeitlich mit dem Bus aus Dar es Salaam nachgekommen sind, und unter den Schwestern verteilt. Die Stadt gleicht einem Rausch von Farben, pittoresken Szenen und Geräuschen. Leider sehen es die Menschen nicht gerne, wenn sie fotografiert werden, und ein Foto ihrer Marktstände ist auch nicht „for free“ zu haben. So ist die Ausbeute an Bildern gering. Schade. Die Ausbeute der Shopping-Tour dagegen ist zufriedenstellend: farbschöne Kangas, die Harald Geißler und Thomas Broch für zuhause erstanden haben, eine Wassermelone und viele Dosen Instant-Kaffee (Mbinga-Kaffee und Africa-Kaffee), die Sr. Anna-Luisa und Sr. Damiana auf Bestellung ins Kloster mitbringen.

Beim Mittagessen kommt man auf Sorgen zu sprechen. Zu den Maßnahmen der neuen Regierung unter Präsident John Pope Magufuli gehört es u. a., dass er das examinierte medizinische Personal, das bei der Regierung angestellt ist, von den bisherigen Einsatzstellen weg- und an andere Orte versetzt. Über die Gründe mag kann man nur mutmaßen: Vielleicht benötigt er für den Aufbau neuer Gesundheitszentren erfahrenes Personal, vielleicht will er auch alte Seilschaften aufbrechen; oder beides. Das bedeutet auch für die Krankenschwestern in der Kongregation, dass sie nicht wissen, wohin sie kommen werden bzw. dass ihnen bevorsteht, an irgendeinen Einsatzort versetzt zu werden, wo es keinen Konvent für sie gibt und auch anderweitig sehr ungünstige Arbeits- und Lebensbedingungen für sie bestehen. Eine Schwester, die davon betroffen ist, hat angekündigt, dann werde sie vorzeitig in Rente gehen – ihr staatliches Gehalt wird dann allerdings der Gemeinschaft fehlen, die auf diese Einkünfte angewiesen ist. Ein anderes Problem sind die rechtlichen Regelungen für den Landbesitz. Grundsätzlich sind Grund- und Boden Eigentum des Staates, der es jeweils auf 99 Jahre verpachtet. Das bedeutet für ausländische Investoren eine große Unsicherheit, freilich auch für die Vinzentinerinnen, die zum Einen die von ihnen bewirtschafteten Ländereien und Immobilien nicht ihrem Stammkapital zurechnen können, wie es das Kirchenrecht vorschreibt, und die zum Anderen auch damit rechnen müssen, dass ihnen der Staat ihr Eigentum wieder aberkennt. An der Politik des neuen Präsidenten scheiden sich die Geister – auch im Gespräch am Mittagstisch. Man traut ihm zu, dass er Korruption und Machtmissbrauch wirksam bekämpft und die desolate wirtschaftliche Situation des Landes wieder nach vorne bringt; andererseits sieht auch manches nach Symbolpolitik ohne nachhaltig wirksame Verbesserungen aus. Man wird sehen müssen, wie der Präsident künftig die Politik und die sozialen Verhältnisse gestaltet – falls man ihm dazu Gelegenheit lässt …

Der Nachmittag gilt einem Besuch auf der Baustelle der neuen Klinik des Ordens im Stadtteil Kihaha. Sr. Maria Agnes, das Technik-Genie der Gemeinschaft, sitzt am Steuer des Landrovers und lenkt ihn gekonnt über verwinkelte Straßen und durchfurchte Staubwege, die einen Gegensatz darstellen zu den vielen neuen Häusern auf den ehemaligen Maisfeldern zur Linken und zur Rechen, deren Baustil mit Portiko vor den Eingängen ihre Besitzer als wohlhabend ausweist.

Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und bescheint ein Ensemble von Rohbau-Häusern, das schon jetzt verspricht, sehr schön zu werden. Um einen weiten freien Platz, der nach einer Seite hin zu zwei Dritteln offen ist, gruppieren sich die Flügel der künftigen Klinik des Ordens, die für die gesamte Bevölkerung der nach diesem Stadtteil hin expandieren Stadt Mbinga zur Verfügung stehen wird (also nicht nur für die Reichen, wie man angesichts der Neubauten in der Umgebung unterstellen könnte; aber das Feld, auf dem Klinik entsteht, gehörte den Schwestern bereits, als weit und breit noch keine neuen Häuser zu sehen waren; und auch die Pläne gibt es schon länger). Krankenzimmer, medizinische Fachabteilungen, Ambulanz, Labor, Verwaltung – das Raumangebot sieht gut bemessen aus und ist auch durch weitere Bauten erweiterungsfähig; Platz ist genug dafür da. Aber jetzt muss zuerst einmal dieser Bauabschnitt fertig und der Klinikbetrieb darin aufgenommen werden, bevor an weitere Investitionen gedacht werden kann. Gelobt wird die Qualität der Bauausführung. Die offenen Arkadengänge zum zentralen Platz hin geben dem Ganzen ein großzügiges Ambiente. Man kann sich gut vorstellen und sich darauf freuen, wie lebendig es hier einmal zugehen wird.

Zurück im Kloster, geht es noch einmal zu Fuß Richtung Innenstadt – ins Haus San Lazaro, in dem die Schwestern arme Menschen wohnen lassen. Hier erleben wir den Kontrast zu den Neubauten in Kihaha. Im Innenhof werden wir von einer jungen Frau empfangen, die gemeinsam mit ihren drei kleinen Kindern hier lebt; ihr Mann, so erfahren wir, ist an Krebs gestorben, sie selbst hat im vergangenen Jahr einen Ileus überstanden, es gehe ihr noch nicht wirklich gut, sagt sie. Sie begrüßt uns herzlich und freut sich offensichtlich über den überraschenden und unangemeldeten Besuch. Auch die Kinder fassen rasch Vertrauen zu uns Fremden. Der Älteste unter den drei Geschwistern – der Junge mag vielleicht sieben oder acht Jahre alt sein – repariert sorgsam ein einfaches, selbst gebasteltes Spielzeugauto; die beiden Kleinen, vielleicht zwei und drei Jahre alt, schauen ihm interessiert zu. Die Fotos, die Thomas Broch von ihnen macht und ihnen auf dem Display der Kamera zeigt, lösen Heiterkeit aus. Wie die meisten Kinder, die wir hier sehen, spielen sie selbstvergessen und zufrieden. Aber sie sehen nicht gut aus. Nicht nur der Schmutz, auch Ekzeme auf der Kopfhaut zeigen an, unter welchen Bedingungen sie leben. Dass die Kleinen den Kindergarten und der Große die Schule besuchen können, dafür fehlt allem nach das Geld.

Als wir aufgebrochen waren, sind wir bereits an zwei Chören im Gemeindehaus der Pfarrei und in einem offenen Nebengebäude vorbei gekommen, die unbeeindruckt von der gegenseitigen Konkurrenz geübt haben. Auf dem Rückweg beherrscht eine Versammlung der Charismatiker auf dem Platz neben der Pfarrkirche lautstark die Szene – vor allem durch das Geschrei von zwei Predigern, die eigentlich eher Einpeitscher sind, und die chorischen Antworten ihrer Zuhörer. Aber in einem Winkel des Pfarrgartens, der durch eine Mauer abgeschirmt wird, übt auch der Kirchenchor – und das hört sich wirklich schön an; die Sängerinnen und Sänger sind mit dem in Afrika üblichen stimmgewaltigen Temperament bei der Sache und freuen sich über den Beifall ihrer unerwarteten Zuhörer.

 

Orte der Hoffnung (Gastautor: Dr. T. Broch)

IMG_7668

Der morgendliche Rundgang von Sr. Anna-Luisa, Sr. Damiana, Harald Geißler und Thomas Broch führt zunächst einmal am Pfarrhaus des Spirituals zur Linken, mit einem wunderschön angelegten Garten, und an der Kirche St. Alois und dem dazu gehörigen Pfarrhaus zur Rechten vorbei. Hier hatten die Benediktiner die erste Kirche gebaut, damals auch Bischofskirche, und mit der Pastoral in Mbinga begonnen. Das Pfarrhaus, so erfahren wir, wird heute vom Generalvikar der Diözese Mbinga bewohnt. Auch die Armenküche des Klosters im Haus Bethanien liegt am Weg, wo schon ein paar Männer darauf warten, dass sie geöffnet wird; ebenso das zum Kloster gehörige Kaffeefeld. Unweit davon der Friedhof der Stadt, der sich durch seinen bizarren Baumbestand deutlich von der Umgebung abhebt; davor der kleine Schwesternfriedhof – zwei Gräber sind noch nicht lange belegt, man sieht es an den Stanniol-Girlanden, mit denen sie geschmückt sind. Auch Sr. M. Rainburga ist hier begraben, die Gründerin des Klosters in Mbinga; ebenso Sr. Dr. Gabriele Winter, die Ärztin, die 2012 bei einem Verkehrsunfall ihr Leben verlor. Beide werden im Konvent bis heute hoch verehrt.

Manche der Gräber auf dem Friedhof der Stadt sind verfallen, andere sorgfältig renoviert. Allen gemeinsam ist, dass sie fest verschlossene Gehäuse sind, gemauert oder aus Beton. Es ist die Angst vor den bösen Geistern der Ahnen, die die Nachkommen zu größtmöglicher Sicherheit nötigt.

Das St Vincent Health Centre ist die erste Station, die wir besuchen. Auf dem Hof herrscht großer Andrang: Viele Mütter, sehr wenige von den Vätern begleitet, warten hier geduldig, bis ihre Säuglinge und Kleinkinder gewogen und untersucht werden. Den Kindern ist das Geschehen unheimlich, entsprechend laut ist das Geschrei der Kleinsten, während die Größeren etwas eingeschüchtert wirken.

Drei Ärzte und eine Zahnärztin, eine Ordensschwester, hat das Health Centre, dazu vier weitere Schwestern und anderes medizinisches Personal. Der leitende Arzt – der Medical Officer, dem im Haus zwei Assistent Medical Officers zur Seite stehen – empfängt uns freundlich in seinem Büro. Er ist in Sorge um sein Helath Center, weil der Orden in Kihaha, einem anderen Stadtteil von Mbinga, eine neue Klinik bauen will. Die Stadt wachse beständig, meint er, es bestehe durchaus Bedarf sowohl an einer Klinik mit hohem medizinischem Level als auch an einem Haus der Basisversorgung wie das St Vincent Health Centre. Er wirbt deutlich auch hier für einen Ausbau. Sr. Anna-Luisa stellt allerdings in Frage, dass der Orden beides zugleich finanziell leisten kann … Hocherfreut begrüßt sie Sebastian, einen jungen Mann mit körperlicher Behinderung, der hier im Rollstuhl eine Verwaltungstätigkeit ausüben kann. Schon früh haben die Schwestern ihn gefördert, als er noch im Haus Loreto gelebt hat, einer Einrichtung des Ordens für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, die wir am Nachmittag besuchen werden. Auch dem Ordinationsraum der Zahnarzt-Schwester statten wir einen Besuch ab – bereits auf dem Behandlungsstuhl sieht eine Patientin, die offenkundig unter Zahnschmerzen leidet, dem weiteren Geschehen entgegen.

Unmittelbar daneben: das Haus Nazareth, ein weitläufiges Gebäude-Ensemble rund um einen kleinen Park mit schönem Baumbestand. Früher war hier eine staatliche Schule für Erzieherinnen. Vor etwa vier Jahren wurde ein College für Lehrerinnen darin errichtet, erfahren wir. Sr. M. Aurelia, die Leiterin führt uns; sie habe hier in wenigen Jahren Beachtliches aufgebaut, bemerken die deutschen Mitschwestern anerkennend. In zwei Klassenräumen werden wir von den Studentinnen empfangen, etwa 70 sind es in drei Klassen insgesamt. Dass sie fotografiert werden, löst große Heiterkeit aus – dass sie so ausgelassen lachen können, hätte man angesichts ihrer strengen schwarzen College-Uniformen mit weißem Kragen und dem disziplinierten Drill der anfänglichen Begrüßung eigentlich eher nicht erwartet. Ihre Zukunftschancen sind gut: einen Abschluss in der Primary- und der Secondary-School haben sie bereits absolviert, hier erhalten sie eine Hochschulausbildung. Nach zwei Jahren Schulpraxis an öffentlichen Schulen – vergleichbar mit einem Referendariat in Deutschland – können sie als Lehrerinnen angestellt werden. In einem Nebengebäude wird auf offenem Herd in großen Kesseln das Mittagessen gekocht – um 11 Uhr die erste Mahlzeit, die die jungen Frauen zu sich nehmen. Und in einem Schweinekoben am Rand des Areals leben schöne große Borstentiere; eines von ihnen ist bereits als Weihnachtsbraten auserkoren, es weiß davon nur noch nichts.

Noch einmal schauen wir im Haus Katharina vorbei. Die Kinder sind heute eigens dem Kindergarten fern geblieben und sauber angezogen, um die Gäste aus Deutschland begrüßen zu können – was sie auch ausgiebig tun: sie wollen auf den Arm oder auf den Schoß genommen werden, „Hoppe, hoppe Reiter“ spielen, in die Schaukel gesetzt und geschaukelt werden und überhaupt Zuwendung erfahren. Entsprechend fließen die Tränen, als wir wieder gehen. Zuvor haben uns die Schwestern in ihrem Wohnzimmer noch bewirtet, was natürlich dazu führt, dass auch die Kinder mit einem Teller voller Kekse wieder abziehen – mit Ausnahme von Alpha, der nicht von der Seite von Sr. Anna-Luisa weicht, die ihm nach der Geburt das Leben gerettet und seither ein besonders sorgsames Auge auf ihn hat. Sein kleiner Zwillingsbruder ist gestorben. Um ein verstorbenes Zwillingskind trauert man nicht, sagen die Einheimischen, sonst hat das überlebende Kind kein gutes Leben. Wie fremd uns manche kulturellen Traditionen dieses Landes doch sind. Alpha wünschen wir ein gutes Leben, auch wenn der Tod seines kleinen Brüderchens sehr traurig ist.

Der Nachmittag führt uns aus der Stadt hinaus: Sr. Anna-Luisa am Steuer des Landrovers, Sr. Damiana auf dem Vordersitz, Harald Geißler und Thomas Broch auf dem Rücksitz. Nachdem in der Hauptgeschäftsstraße in Mbinga ein reichlicher Vorrat an Süßigkeiten erstanden ist, geht es hinaus aufs Land – irgendwann wird die geteerte Straße verlassen, und der Staub des ausgefurchten Wegs färbt die Landschaft weit nach links und rechts tief rot ein, das Gras, die Bäume, die Häuser, bis der Blick wieder frei wird für die schöne Hügel- und Berglandschaft am Horizont.

Idyllisch schön gelegen ist auch das erste Ziel: Loreto, ein Haus der Vinzentinerinnen für etwa 70 Kinder mit unterschiedlichsten körperlichen Behinderungsbildern, manche leichter, manche schwer. Auch das eine oder andere Kind ohne Behinderung ist darunter, z. B. wenn es zu alt für das Waisenhaus St. Katharina ist und nicht weiß, wo es sonst leben soll. Hier können die Kinder zur Schule gehen, eine Primary-School, die auch von den Kindern der umliegenden Siedlung besucht wird. Sieben Schwestern leben und arbeiten dort. Als erstes begrüßen und bewirten sie uns gastfreundlich, dann führen sie uns über den sonnenbeschienen Innenhof in den großen neu errichteten Versammlungsraum, wo ein großer Teil der Kinder bereits auf uns wartet und uns im Chor begrüßt: Welcome, how are you, thank you for your visit, asante sana … Die Süßigkeiten werden ausgeteilt und tragen zur guten Stimmung bei. Harald Geißler taucht in seine berufliche Vergangenheit als Arzt in Tansania ein, schaut zusammen mit den Schwestern die Behinderungen mehrerer Kinder an, äußert seine Einschätzung, macht sich Notizen – vielleicht lässt sich ja im einen oder anderen Fall Hilfe schaffen. Es wäre den Kindern zu wünschen.

Gemeinsam mit Sr. Gertrud und Sr. Maria Sophia besteigen wir wieder den Landrover – die beiden Schwestern aus Loreto bestehen darauf, die Notsitze im Heck einzunehmen – und steuern über abenteuerliche Wege das nächste Ziel an, die Baustelle für den Neubau von St. Katharina, das Waisenhaus, das in der Stadt aus allen Nähten platzt. Hier steht ein Areal in weiter, offener Landschaft zur Verfügung – weit genug, um später einmal das jetzt entstehende Hauptgebäude durch weitere Wohngebäude zu ergänzen. Der Bau ist bereits weit vorangeschritten: die Bodenplatte aus Beton für den Hauptwohntrakt ist gegossen, die Fundamente der Gebäudeflügel um den typischen freien Innenhof herum sind gelegt. Ziegelsteine, Sand, Wasserleitungs-Rohre stapeln sich in großen Mengen rund um die Baustelle. In der Umgebung der Wellblech-Bauhütte stehen die Männer und halten guten Rat, derweil die Frauen, drei an der Zahl, immer noch große Tonnen mit Sand füllen und die schweren Lasten auf dem Kopf zur Baustelle tragen und dort abladen. Sie tun dies mit Stolz und Würde. Ein Kind, vielleicht zwei Jahre alt, ist auch dabei und scheint die Baustelle mitsamt den herumliegenden Blecheimern durchaus als Spielplatz zu goutieren, während die Mutter Sand schleppt. Man könnte dies als Beispiel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bezeichnen …

Den Waisenkindern von St. Katharina ist ihr neues Heim von Herzen zu gönnen. Im September 2017 soll es fertig sein, sagen die Schwestern und der Bauleiter voller Überzeugung – und sei es auch nur der Rohbau, es geht voran.

Herzlicher Abschied von Sr. Gertrud und Sr. Maria Sophia, die es vorziehen, den Rückweg nach Loreto mit einem Abendspaziergang zu verbinden, trotz des vielen roten Staubs.

Interessantes, Belustigendes und Bedrückendes: ein Tag in Mbinga (Gastautor: Dr. Thomas Broch)

IMG_7581 (2)

Heute beginnt die Auszählung zur Wahl der neuen Regionaloberin. Nach der Eucharistiefeier und dem Frühstück lassen sich Sr. Anna-Luisa und Sr. Damiana dazu im großen Versammlungssaal nieder. Zwei Tage hatten sie dafür vorgesehen, gegen 11 Uhr sind sie allerdings bereits fertig, zumindest für den ersten Wahlgang – zur großen Überraschung von Harald Geissler und Thomas Broch, die sich derweil mit Sr. Kaja auf den Weg zur Besichtigung der weitläufigen Klosteranlage gemacht haben.

1969 ist das Haus St. Maria als erstes Gebäude der Vinzentinerinnen in Mbinga errichtet worden – mit folgender Vorgeschichte: Die Kandidatinnen in Untermarchtal hatten im Jahr 1958 im Rahmen einer Sternsingeraktion Geld für den aus Ertingen bei Riedlingen stammenden Abtbischof Eberhard Spieß OSB in der tansanischen Benediktiner-Abtei Peramiho gesammelt. Dieser war darüber zwar hoch erfreut, meinte jedoch, die Entsendung von Schwestern wäre ihm noch willkommener. So machten sich 1960 zunächst einmal vier Schwestern – eine davon mit Umweg über London – aus dem Schwäbischen auf den Weg und wurden in Maguu in einer Pfarrei eingesetzt. Fünf Jahre später, 1967, folgten vier weitere Schwestern. Der Gemeindepfarrer von Mbinga, ebenfalls ein Benediktiner, befand jedoch, für die Arbeit der Schwestern sei in der Provinzstadt mit all ihrer Not mehr Bedarf als in einem abgelegenen Nest. So siedelten die Schwestern um und übernahmen in Mbinga von der Pfarrei die Domestic-School, die Haushaltsschule. Weitere Schwestern kamen nach. Heute zählt die Gemeinschaft in Tansania über 230 fast ausschließlich einheimischen Schwestern, etwa 80 von ihnen leben zusammen mit 17 Novizinnen in Mbinga selbst; die anderen sind in 26 Stationen über vier Diözesen hinweg eingesetzt. In Äthiopien ist von Mbinga aus eine neue Region am Entstehen. Es ist eine große Gemeinschaft geworden.

Die Domestic-School und das dazu gehörige Internat gibt es immer noch. Derzeit leben und lernen dort 58 Mädchen und junge Frauen, regulär sind es zwischen 70 und 90. Sie haben die Secondary- und oft sogar die Primary-School nicht geschafft und stammen aus den ärmsten Familien, die meisten von ihnen können das Schulgeld nicht aufbringen. Bis zu 500 km reicht der Radius des Einzugsgebiets, aus dem sie nach Mbinga kommen; oft sind es Schwestern aus Mbinga, die auf die Not der Mädchen aufmerksam werden und sie hierher empfehlen. Wenn sie dann mit einem Abschluss als Näherinnen oder Köchinnen die Schule wieder verlassen, haben sie zumindest eine reale Chance auf bessere Lebensverhältnisse. Rund ein Drittel der Schwestern, die heute zu der Gemeinschaft gehören, waren selbst einmal Schülerinnen hier. „Man muss aufpassen“; lacht Sr. Kaja, „ich kann nie wissen, ob meine Schülerin nicht später einmal meine Oberin wird.“

Als wir durch die Schule gehen, ist erst ein Teil der Schülerinnen aus dem Urlaub zurück, mit ihren Gedanken sind sie wohl noch eher zu Hause als wieder hier im Schulalltag – auch mit all den Sorgen, die sie aus ihren Familien mit hierher genommen haben. In einer Klasse unterrichtet ein junger Lehrer gerade Mathematik, in einer anderen eine junge Lehrerin Englisch. In einem Raum voller Nähmaschinen sitzen zwei junge Männer und nähen; sie unterrichten sonst die Schülerinnen in dieser Fertigkeit, heute allerdings ist nur ein Mädchen da. Die Jugendlichen wirken ein wenig schüchtern; aber das sei nicht immer so, meint Sr. Kaja. Draußen im Hof kocht Angela – früher selbst Schülerin, jetzt als Köchin tätig – gerade am offenen Feuer in großen Kesseln eine Gemüsesuppe, kurz darauf werden die Schuluniformen ausgeteilt; nicht ohne Stolz präsentiert Sr. Kaja auch die farbenprächtigen kunstgewerblichen Arbeiten, die die Schülerinnen angefertigt haben und die ein wenig zum Einkommen beitragen. Aus dem benachbarten Gemeindehaus der Pfarrei dringen lautstark Gesang und auch Geschrei einer charismatischen Gruppe, die sich dort trifft. Man duldet das, damit die Menschen, die sich durch diese Form von Spiritualität angezogen fühlen, nicht eine der zahlenreichen Pentecostal-Kirchen abwandern, die auch in Afrika enorme Verbreitung und Zulauf finden.

Der Rundgang führt weiter: auf dem Hof vor den Werkstätten reparieren drei junge Männer gerade einen Traktor. In der Schreinerei werden Kinderbetten angefertigt; in der Schlosserei geben Kunstschmiedearbeiten – Grabkreuze, ein Osterleuchter, kleine mit Kohle beheizte Kocher – Zeugnis von den Fertigkeiten von Sr. M. Agnes. Im Hof des Konventsgebäudes sind Arbeiter dabei, riesige Mengen Brennholz zu verarbeiten.

Und dann eröffnet sich hinter Konventsgebäude und Kirche das weite Feld der Landwirtschaft: die Schweineställe, der Kuhstall, die Hühnerställe; in einem Zwinger sieben Hundewelpen. An einer Stelle trocknen ein Mann und eine Frau Kaffeebohnen. Es wachsen Bananenstauden, die Mangobäume blühen gerade, es gibt Papaya-Bäume und japanische Kirschen; Süßkartoffeln, Rosmarin, Kräuter und Gewürze vielfältigster Art – und das alles vor der wunderbaren Kulisse der Bergkette am Horizont.

Für das Nachmittagsprogramm sind zunächst zwei eigentlich nur kurze Ereignisse in der Stadt vorgesehen – so erscheint es uns wenigstens, obwohl wir gewarnt worden sind –: Geld wechseln bei einer Bank in der Stadt und Einkauf von SIM-Karten für die Mobiltelefone. Zur ersten Maßnahme: Ganz in der Nähe – nach einem kurzen Gang über den lokalen Markt voller farbenprächtiger Bilder und Eindrücke – finden wir eine Bank, die National Microfinance Bank PLC. Durch die Vermittlung von Sr. Mwombezi Mwenda, die wir zufällig vor dem Gebäude treffen, werden wir an den wartenden einheimischen Kunden vorbei ins Office geschleust. Dort erwartet uns, d. h. Harald Geißler und Thomas Broch, eine längere Prozedur. Wir dürfen Platz nehmen, bedächtig wird unser Anliegen erwogen, die vorgesehene Geldmenge reflektiert (und das auch noch in US-Dollar und Euro); die Pässe werden geprüft und gescannt, Formulare werden ausgefüllt – zuerst ein falsches, dann ein korrektes. Dann erfolgt sehr lange nichts. Ernst aussehende Herren gehen immer wieder in einen nur mit Code zugänglichen Raum, kommen wieder, verschwinden wieder darin. Der junge Angestellte, der uns schon zu Beginn bedient hat, flüstert uns mit gewichtiger Miene zu, wir sollten uns doch bitte gedulden. Das tun wir. Inzwischen sind Sr. Anna-Luisa und Sr. Damiana dazu gestoßen, eher etwas ungeduldig, aber auch dies beschleunigt das Verfahren nicht. Ein Herr, mutmaßlich in höherer Position, setzt sich zu uns, stellt sich vor, fragt uns nach dem Woher und Wohin und ob wir das Geld ins Ausland transferieren wollen, was wir verneinen. Auch er geht wieder. Sr. Mwombezi taucht auf, redet mit einem der Angestellten, wohl um den Fortgang der Dinge zu befördern … Drei Herren tauchen schließlich auf, setzen sich an ihre Schreibtische und schauen uns an, ein wenig plaudern wir mit einander. Schließlich, mehr als eine Stunde mag vergangen sein, kommt ein weiterer Herr mit einer dick mit Geldscheinen gefüllten Papiertüte. Der junge Mann vom Anfang erläutert uns das Zustandekommen der jetzt auszuhändigenden Geldsumme, erbittet unsere Unterschrift – das erste Vorhaben ist gelungen. Wir verlassen die Bank, ignorieren die Warnung, uns mit dem Geld weiter durch die Stadt zu bewegen, da wir sicher beobachtet worden seien, und suchen den Ort des nächsten Ereignisses auf: einen Verkaufsstand am Straßenrand, wo ein paar junge Männer SIM-Karten von Vodacom verkaufen.

Dort folgt der zweite Akt: SIM-Karten und Vochas zum Freirubbeln wären eigentlich schnell erstanden. Aber das Problem mit dem Freischalten … Nach vielen Versuchen der jungen Leute, die Passnummer ihrer Kunden über das Smartphone an den Anbieter zu übermitteln, scheitern schließlich daran, dass das mit deutschen Pässen nicht möglich ist. Aber Sr. Mwombezi weiß Rat: Sie führt je einen Personalausweis mit ihrem Ordensnamen Mwombezi und mit ihrem bürgerlichen Vornamen Joyce mit sich und stellt diese für die Registrierung der SIM-Karten zur Verfügung. So kommt Harald Geißler schließlich mit dem Alias Mwombezi an seine Legitimierung, Thomas Broch dagegen als Joyce. Auch Fotos der Schwester werden aufgenommen und den Daten beigefügt. Wenn das keine Persönlichkeitsveränderung ist. Es dauert dann noch geraume Zeit, bis alle technischen Erfordernisse funktionieren …

Vonnöten ist anschließend eine kurze Einkehr in einem hübschen Café – wo man uns mit Bedauern mitteilt, es gebe leider keinen Strom und damit sei auch die Kaffeemaschine außer Betrieb. Diese missliche Situation ändert sich allerdings bald wieder, so dass bei Kaffee und Cappuccino die Welt wieder anders aussieht.

Etwas abseits der Straße, die zum Kloster zurückführt, liegt St. Katharina, ein Waisenhaus der Schwestern. Ursprünglich war das kleine Gebäude rund um einen Innenhof für nur wenige Kinder vorgesehen, jetzt leben ungefähr 20 Kinder darin, die allermeisten im Kleinkindalter, darunter zwei Neugeborene. Ihre Eltern sind an Aids oder an anderen Krankheiten gestorben oder haben die Kinder einfach verlassen. Die Platznot ist enorm, die drei Ordensschwestern und die wenigen einheimischen Helferinnen völlig überlastet. Freiwillige aus Deutschland sind erst in einiger Zeit zu erwarten. Tagsüber sind die Kinder im Kindergarten der Schwestern, für den sie eigentlich viel zu klein sind. Außerdem kommen dort so viele Kinder hin, dass den Kleinen aus dem Waisenhaus gerade das nicht gegeben werden kann, was sie am Nötigsten bräuchten: individuelle Nähe, Zuwendung und Förderung. Die Kinder, die bei unserem Besuch bereits wieder zurück in St. Katharina sind, sind allesamt stark verschnupft, aber sie reagieren ausgelassen auf die unerwarteten Besucher, wollen herumtollen, suchen Zuwendung, wollen einfach auf oder in den Arm genommen werden. „Mir tut das Herz weh“, sagt Sr. Anna-Luisa. Wir brechen bald auf, weil es die Situation nicht leichter macht, wenn die Kinder vor dem Zubettgehen noch einmal auf- und überdrehen.

Es ist wie heim kommen (Gastautor: Dr. Thomas Broch)

IMG_7460

Ein neuer Tag, ein neuer Reisetag. Um 9.30 Uhr verlassen wir die Kommunität der Benediktiner von Kurasini wieder und kämpfen uns durch den Verkehr Richtung Flughafen Dar es Salaam – diesmal nicht zum internationalen Bereich, sondern zu dem kleineren und von Alterspatina gezeichneten nationalen Sektor, wo wir uns für den Flug TC116 der Air Tansania nach Songea einchecken – nicht ohne Hindernisse: der Officer am Schalter ist nicht gewillt, das Übergewicht unseres gesamten Gepäcks durchgehen zu lassen, aber nach längerer Diskussion und der Entrichtung einer Zusatzzahlung können wir auch hier passieren. Warten am Gate, pünktlich um 12 Uhr gehen wir zu Fuß über das Flughafengelände zu unserem Flugzeug, einer Turbo-Prop-Maschine – kleiner, gemütlicher, aber voll von Menschen, die entweder wie wir nach Songea fliegen wollen, oder – deutlich weniger – weiter nach Mtwara am südlichen Ende der tansanischen Küste vor der Grenze zu Moςambique. Dort wollen wir auch noch hin, aber erst am Ende der Reise.

Pünktliche Ankunft in Songea. Der Flughafen entbehrt nicht einer gewissen nostalgischen Romantik: der Boden des Rollfeldes war vielleicht einmal asphaltiert, jetzt besteht er nur noch aus gestampfter Erde, über die wir zu Fuß zum Ausgang gehen; später folgt in einem riesigen Handwagen, gezogen von zwei Bediensteten, das Gepäck. Am Maschendrahtzaun warten schon die Schwestern von Ruhuwiko auf uns, und nach kurzer Kontrolle in der Abfertigungshalle, einer Baracke ähnlich wie in dem Film Casablanca, begrüßen wir uns gegenseitig aufs herzlichste. (Nicht zu vergessen: In einer Halle auf dem Flughafengelände stehen drei (!) Feuerwehr-Löschfahrzeuge; man kann ja nie wissen …)

Mit zwei Fahrzeugen geht’s nach Ruhuwiko. Dort herzlicher Empfang und Mittagessen. Da wir in ein paar Tagen wieder dorthin zurück kommen werden, genügt hier die kurze Erwähnung.

Anschließend kommt das Gepäck aufs Dach des Landrovers und unsere fünfköpfige Reisegruppe nebst Fahrer ins Innere – Richtung Mbinga. Auf der verhältnismäßig gut ausgebauten Straße (von der US-Regierung finanziert, wie Werbeschilder deutlich machen), einer Dammac-Road, wie man im Afrika sagt (abgeleitet vom Erfinder asphalierter Straßen namens McAdams) führt die Route durch die weite Savannen-Landschaft, staubig von der roten Erde, immer wieder vorbei an kleinen Häusern und Häusergruppen aus roten getrockneten Ziegeln, von denen immer wieder Depots neben der Straße stehen; bei den meisten Anwesen, so hat man den Eindruck, ist mindestens ein Gebäude noch nicht fertig oder schon wieder verfallen. Es geht vorbei an kleinen Bars mit Coca-Cola-Werbung, vor denen junge und ältere Männer sitzen; vorbei an Frauen, die Wäsche waschen oder aufhängen, vorbei an Kindern, die sich durchaus vergnügt mit sich selber beschäftigen können oder mit einen alten Autoreifen spielen oder einfach am Straßenrand stehen und dem Auto mit den vielen Weißen neugierig entgegen schauen und etwas schüchtern nachwinken.

Allmählich wird die Landschaft hügeliger, dann bergiger; die Straße führt steiler bergauf und wieder bergab, die Kurven werden enger. Die Ausblicke werden weit und schön. Die Farbe der Vegetation wechselt von einem staubigen Gelb und Grau in saftiges Grün. Plantagen mit Kaffee oder Bananen oder Mais säumen den Weg. In einer Kurve halten wir an einem Kreuz: Robert Reutter steht darauf. Der Freund und Förderer des Klosters in Mbinga ist hier am 30. August 2016 tödlich verunglückt, seine Frau schwer verletzt. Am Abend im Kloster wird spürbar, dass der Schock und die Trauer immer noch nachwirken.

Nach rund zwei Stunden Fahrt erreichen wir Mbinga, den „zentralen Markt- und Distriktort im kühleren Matenga-Hochland“, wie der Reiseführer erwähnt. Mbinga ist auch Bischofssitz. Und er ist vor allem Standort für das Kloster der Region Mbinga der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul in Untermarchtal. Der Klosterbereich mit seinem gepflegten Gebäuden und farbenfroh bepflanzten Gartenanlagen wirkt wie ein eigener Kosmos. Bereits am Eingangstor werden wir von jubelnden Schwestern begrüßt, mit Trommeln und Gesang im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist überwältigend, diesen herzlichen Empfang zu erleben, die Wiedersehensfreude mit den deutschen Schwestern und auch mit Florian Hecke, die wissbegierig-freundliche Offenheit gegenüber den neuen und noch unbekannten Gästen.

In der Kapelle des Konvents gilt im gemeinsamen Gebet Gott der Dank für die gute Ankunft der Gäste. Die Zimmer werden bezogen, Nachmittags-Kaffe- oder Tee eingenommen, später das Abendessen – und immer wieder große Freude beim Wiedersehen mit Schwestern, die später dazu stoßen.

„Hierher zu kommen, ist immer wie heimkommen“, sagt Florian Hecke. Ja. Das kann man spüren und gut verstehen.

Hier also wird in den nächsten Tagen unser Zuhause sein.

Eine lange Anreise (Gastautor: Dr. Thomas Broch)

IMG_7330

Es war eine lange Anreise – von Untermarchtal und Pfaffenweiler über München und Dubai nach Dar es Salaam.

Gegen 19 Uhr trifft die Reisegruppe auf dem Terminal 1 des Münchener Franz-Josef-Strauß-Flughafens ein: Sr. Anna-Luisa Kotz, Sr. Damiana Thoennes, Florian Hecke und Dr. Harald Geissler aus Untermarchtal bzw. Fulgenstadt bei Bad Saulgau und Thomas Broch aus Pfaffenweiler bei Freiburg. Am Schalter der Emirate Airline stand bereits eine lange Schlange ebenfalls reisewilliger Menschen unterschiedlichster Sprache. Die Vermutung, etwas abseits einfach noch eine kleine Weile zu warten, bis sich die Lage beruhigt haben würde, sollte sich als trügerisch erweisen. Irgendwann stehen wir – also die genannte Reisegruppe in einem nicht enden wollenden Pulk von Menschen, der sich unendlich langsam nach vorne bewegt. Kurzum: Wir haben es geschafft, der Sicherheits-Check ist überwunden, die erneut lange Schlange am Boarding-Gate ebenfalls durchgestanden, im wahrsten Sinne des Wortes … Fast eine Stunde verspätet startet die riesige Boeing 777-300ER vom Flug EK 0052, gefüllt mit rund 800 Menschen, Richtung Dubai.

Die Nacht ist entsprechend kurz, Abendessen gibt’s um Mitternacht; der Landeanflug auf Dubai erfolgt gegen 7.00 Uhr Ortszeit, also nach heimischer Zeitrechnung bereits wieder um 5.00 Uhr. Lange Wege durch den Konsumtempel mit Fluganschluss Dubai; eine Verschnauf- und Ruhepause bei Croissant mit Strawberry-Confiture und Kaffee bzw. Tee in einem scheinbar ruhigen Lokal in der ersten Etage – dann wird die Ruhe nicht endend durch eine Alarmanlage gestört, was außer uns aber kaum jemand zu stören scheint …

Erneut lange Schlange von Menschen, die alle auf dem Flug EK 0725 nach Dar es Salaam mit wollen. Irgendwie nimmt der Flieger alle auf, wartet dann aber noch unendlich lange bis zum Abflug. Gleichwohl: Dank günstiger Winde – oder wessen sonst auch immer – kommen wir ziemlich pünktlich kurz nach 15 Uhr in Dar es Salaam an. Längere Suche nach Sr. Damiana, die, wie sich herausstellt, viel früher als die anderen das Flugzeug verlassen konnte; Sicherheits-Check mit Stichprobe bei zwei Koffern von Sr. Anna-Luisa – und dann: unvorstellbares Gedränge und Chaos, lang anhaltend, am Gepäckausgabeband. Aber auch das schaffen wir. In der Halle nimmt uns Joseph, der Fahrer der Benediktiner in Kurasini, in Empfang, und mit uns NN. Aus Lauchheim bei Aaalen, die in Tansania ein vierwöchiges Klinik-Praktikum absolvieren will. Über die heiße und staubige Verbindungsstraße zwischen dem Flughafen und der Stadt, vorbei am Neubau des Flughafens, dem Stadion, dem City-Centre, vorbei an Straßenhändlern und einem großen Friedhof … erreichen wir das wie eine Oase hinter Mauern abgeschirmte Kloster und Gästehaus der Münsterschwarzacher Missionsbenediktiner.

Bezug der Zimmer, erfrischende Dusche, schmackhaftes Abendessen mit vielen Erinnerungen an dies und das, diesen und jenen – und zum Abschluss ein tansanisches Safari-Bier in kleiner Runde. Auch der neue Abt-Administrator von Peramiho, P. Silvanus, gesellt sich kurz dazu. Frühe Bettruhe.

Am Mittagstisch

DSC02235

Ein beliebtes Thema beim Mittagessen ist immer wieder „Ugali“, Hauptnahrungsmittel und Leibspeise vieler Tansanier. Ein Brei, meist aus Maismehl, der meinen Gaumen keine großen Geschmacksexplosionen erleben lässt. Aber Geschmäcker sind bekanntlich ja unterschiedlich.

Gestern bei Tisch ging es dann um die enormen Preissteigerungen für bestimmte Nahrungsmittel. Maismehl, das wirklich in keinem Haushalt in Tansania fehlen darf, ist bald teurer als Reis, eigentlich eher ein Luxusgut, das es zu Festen gibt. Und wenn es so weiter geht, zahlt man für Bohnen bald das Selbe wie für Fleisch. So erzählen die Leute aus der Stadt. Diese Preissteigerung – ein Ausdruck der Nahrungsmittelkrise in Ostafrika.

Aber auch die Menschen auf dem Land sind betroffen. Im Süden Tansanias hat es eigentlich ausreichend geregnet, der Mais steht gut – und doch haben die Leute Hunger. Aufgrund der guten Preise kommen die Zwischenhändler direkt ans Feld gefahren und kaufen den Leuten den Mais ab. Bei der Ernte – vom Feld weg! Die Leute brauchen das Geld oft so dringend für  Schulgeld und Medikamente und verkaufen deshalb. Doch dann stellt sich heraus, dass der Mais nicht ausreicht, die eigene  Familie zu ernähren. Auch das ein Ausdruck der Nahrungsmittelkrise und des Weltmarkts mit seinen eigenen Gesetzen. Oder wie in Lipilipili dort wurde eine neue ertragreiche Sorte angebaut, die dann aber meist schon nach wenigen Monaten zu faulen beginnt. Neues Saatgut mit großen Versprechungen –  keine Ahnung, wer daran verdient. Doch sicher nicht die Menschen hier in Tansania.