Einzug der vier Schwestern in Maguu

Einzug der vier Schwestern in Maguu

Die Zeit der Pionierinnen

Aufgebrochen sind vor über fünfzig Jahren handfeste schwäbische Pionierinnen, die mit Herz und Verstand, vor allem aber mit ihren Händen und Füßen ein stetig wachsendes Werk aufgebaut haben. Über das Erbe der Kolonialgeschichte haben sie sich damals wenig Gedanken gemacht. Vielmehr waren sie überzeugt vom missionarischen Auftrag und sie sahen sich als Vinzentinerinnen zu den Ärmsten der Armen gesandt.

Und doch können sie noch erzählen, wie geschockt sie manchmal waren, wenn ihnen der klassische Kolonialstil begegnet ist. Eine Schwester erzählte, wie ein Deutscher sich von seinem Fahrer bzw. „Driver“ eine Mango schälen ließ, das äußere Fruchtfleisch aß und dann den Rest um den Kern an den Driver weitergab. Das war dann das Essen des Drivers.

Oder wie Sr. Digna erzählt, wie die Menschen sie ausgelacht haben, als sie am Heiligabend mit einem schmächtigen Bäumchen aus dem Wald zurückkam. Das würde wohl nicht als Feuerholz für die ganze Gemeinschaft reichen, haben die Leute ihr hinterher gerufen und gelacht. Dabei war Sr. Digna so stolz, dass sie nach langem Suchen so etwas Ähnliches wie einen Tannenbaum gefunden hatte, den sie am ersten Heiligen Abend weit weg von zuhause als Christbaum aufstellen konnten.

Ihre „Bauernschläue“ und ihre eigene Kindheit in einfachen Verhältnissen habe sie am besten auf die Herausforderungen in der Fremde vorbereitet, so berichten die Missionarinnen. So hätten sie sich zum Beispiel die Bäume im Garten untereinander aufgeteilt. Jede musste nach dem Waschen ihr Waschwasser in der trockenen Zeit als Gießwasser für „ihren“ Baum zur Verfügung stellen. Also haben sie sich immer wieder mit der Waschschüssel im Garten getroffen und herzhaft über ihre Haushaltsführung gelacht.

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Die erste Profess in Mbinga (1980)

Von der Pionier- zur Stabilisierungsphase

Tansanische Frauen in die Gemeinschaft aufzunehmen, war eigentlich nie geplant. Aber dann kamen die ersten jungen Frauen und baten um Aufnahme – und wurden wieder weggeschickt. Manche waren jedoch ziemlich dickköpfig und kamen immer wieder. Dafür wird Sr. Vincent Karama, die erste tansanische barmherzige Schwester auch von allen Mitschwestern bis ins hohe Alter als „Mzee“ oder „Bibi“ (als weise Alte) verehrt. Immer, wenn sie in einem Meeting das Wort ergreift, hören alle ganz andächtig zu.

Doch nicht nur die jungen Frauen ließen mit ihrem Wunsch nicht locker, auch der damalige Bischof machte einfach Nägel mit Köpfen und stellte einen Artikel in die Zeitung. Der Bischof lud junge Frauen ein, in Mbinga um Aufnahme in die Ordensgemeinschaft zu bitten. Allerdings war das Mutterhaus in Untermarchtal auf diese Frage gar nicht vorbereitet – wie gesagt, so war das nicht geplant. Die Barmherzigen Schwestern in Untermarchtal waren zum damaligen Zeitpunkt eine klassische diözesane Ordensgemeinschaft. Die Schwestern kamen aus der Region, Erfahrungen mit anderen Kulturen gab es eigentlich nicht. Auch vor Ort in Tansania gab es noch kaum Erfahrungen, ob und wie das Zusammenleben zwischen Missionarinnen und einheimische Schwestern gelingen könnte. Viele Fragen waren zu klären.

Auf alle Fälle wartete die damalige Regionaloberin Sr. Reinburga sehnsüchtig auf eine Entscheidung aus Untermarchtal, schließlich musste sie mit den jungen Frauen, die immer wieder bei ihr anklopften, umgehen.

Sr. Adeltrudis, zu diesem Zeitpunkt Generaloberin in Untermarchtal, berichtet in diesem Zusammenhang immer von einer Episode in Paris. Wochenlang – und wohl auch nächtelang – hatte sie sich mit dieser Frage geplagt, die Entscheidung abgewogen,

versucht die Fragen der Zukunft zu klären und sich immer wieder gefragt, welche Pläne wohl Gott mit der Gemeinschaft hat. Dann standen sie während einer Wallfahrt zu unseren Ordensgründern nach Paris in der Kapelle, in der die sterblichen Überreste des hl. Vinzenz aufgebahrt sind und trafen dort vor dem Sarg kniend ins Gebet versunken eine wunderschöne, in traditioneller Kleidung gekleidete Afrikanerin. Diese kurze und „zufällige“ Begegnung an dem für die Gemeinschaft so besonderen Ort hat sie ermutigt, die Entscheidung zu treffen und die Aufnahme der tansanischen Frauen zu bejahen.

Das rasche Wachsen der tansanischen Gemeinschaft und der Aufbau der Stationen mit ihren sozialen Einrichtungen war mit einem großen Aufwand und nur mit hohem Engagement – auch aus Deutschland verbunden. Der Austausch war rege, auch wenn es noch keine elektronischen Medien gab. Unzählige Container wurden in Untermarchtal, aber auch an anderen Orten gepackt. Noch heute können Reisende von Station zu Station ohne Adapter reisen. Überall finden sich deutsche Steckdosen, hier in Deutschland verpackt und über den See- und Landweg in großen Containern nach Tansania transportiert.

Immer wieder wurden auch sogenannte deutsche „Entwicklungshelfer“ für einige Zeit nach Tansania entsandt: Schreinerinnen, Architekten, Landwirte, Maurer, Elektriker, Krankenschwestern u.v.m. Heute sind wir immer wieder sehr überrascht, wie viel finanzielle Unterstützungen in dieser Zeit auch über staatliche Organisationen in unsere Projekte flossen. Davon können wir mittlerweile nur träumen.

In dieser Phase entstand die heutige Missionsprokura als Koordinations- und Vernetzungsstelle zwischen Mbinga und Untermarchtal.

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Besprechung im "Maislager" in Ruhuwiko

Von der Entwicklungshilfe zur
Hilfe zur Selbsthilfe

Der Wandel zu einer größeren Selbständigkeit der tansanischen Schwestern und zu einem partnerschaftlichen Verständnis der Zusammenarbeit schritt stetig voran. Nicht immer ging und geht es reibungs- und problemlos. In Partnerschaften werden Fehler gemacht, gibt es Missverständnisse und dann auch Misstrauen. Die problemgeladene gemeinsame Geschichte zwischen „Weißen“ und „Afrikaner“ prägt auch den Veränderungsprozess, in dem die Gemeinschaft und das Land Tansania sich befindet. Die kulturellen Unterschiede sind eine Herausforderung, aber auch ein Kapitel, für das es sich lohnt, zu lernen.

Immer noch meinen die deutschen „Partner“ oft besser zu wissen, welcher Bauplatz und welches Baumaterial das Beste ist. Immer noch scheinen wir in Deutschland die nachhaltigeren Planer zu sein und die soziale Not klarer einschätzen zu können. Doch inzwischen fordern die Partner vor Ort berechtigterweise immer stärker ihre Rechte ein und sind sehr wohl auch bereit ihre Pflichten zu tragen.

Zum Beispiel macht es durchaus Sinn, tansanischen Schwestern die Verantwortung für Schulstipendien zu übergehen. Sie haben einen klareren Blick für die tatsächlichen Armutsverhältnisse und sie entwickeln ganz andere Ideen, wie die einzelne Familie sich zum Beispiel selbst helfen kann.

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Bauen für die Zukunft – Seminar- und Exerzitienhaus in Mbambabay

Von der Zukunft der „Mission“

Dieser Prozess steht erst am Anfang. Vieles muss noch auf „beiden Seiten“ gelernt werden. Die tansanische Schwesterngemeinschaft wird Schritt für Schritt unabhängiger werden. Die sozialen Einrichtungen – und damit die Menschen vor Ort werden noch länger unsere Unterstützung brauchen. Und unsere Herausforderung wird sein, die Bereitschaft und den Willen zu entwickeln, mit und von unseren Partnern zu lernen.